Beiträge für einen Podcast (3)

Warum sind wir nachtragend? (BB Radio, 2021)


Wir sind nachtragend, wenn wir uns schlecht behandelt fühlen und gleichzeitig der Verursacher noch keine Reue gezeigt hat. Wir können den Groll dann über Jahre hegen. Tragen wir ein gegen uns versprühtes Gift lange nach, führt dies bei uns selbst oft zu einen Innenweltvergiftung. Besser wäre es, wenn die Verletzungen in uns keine Spur hinterlassen. Deshalb sagt man in Weisheitslehren, der wahre Krieger sitze reglos am Fluss und schaue aufs Wasser, bis die Leiche seines Feindes vorbeischwimmt.



Warum feiern wir Feste? (BB Radio, 2021)


Seit jeher werden menschliche Gemeinschaften über Fest- und Rauschzusammenhänge gestiftet. Was uns an Festen fasziniert, ist, dass sie den hergebrachten Verlauf nehmen und deshalb als eine Beständigkeit in unserem Leben wahrgenommen werden können. Nüchtern betrachtet, geben Feste uns den Vorwand für gründliches Essen und Trinken und fungieren deshalb vor allem als Proteinverteilungsrituale.



Warum lieben wir Krimis? (BB Radio, 2021)


Seit der Epoche der Romantik existiert eine beliebte Folklore der Rebellion und Gesetzlosigkeit. Im 19. Jahrhundert etablierte sich dann die Kriminalliteratur und auch heute sind Krimis als Bücher, Filme und Serien populär. Überall werden Verbrechen durch Gedankenarbeit und logisches Schließen aufgeklärt, was die menschliche Freude am Lösen von Rätseln bedient. Zudem faszinieren uns angstbesetzte Situationen, solange wir davon persönlich nicht betroffen sind. Und uns interessiert, wie Täter zum Bösen finden und Ermittler mitunter in eigene Gewissensnöte stürzen. Krimis bieten auch Milieubeschreibungen und befriedigen am Ende durch Ordnung und glatte Lösungen.



Warum schenken wir uns Blumensträuße? (BB Radio, 2021)


Unsere Sonne lockt bekanntlich allerlei Blumen aus den Keimen. In den antiken Kulturen der Ägypter, Griechen und Römer wurden sie zunächst als Opfer- und Grabbeigaben verwendet. Im nördlichen Europa entwickelte sich bei den Germanen der Brauch, dass junge Frauen bei Festen sich mit Kränzen aus frischen Blüten schmückten. Im Barock kamen Blumensträuße als vergängliche Geschenke in Mode, da sie dem damaligen Zeitgeist entsprachen, der das Vergängliche und Jenseitige pries. Und in der Mitte des 19. Jahrhunderts gehörten Blumensträuße sogar zur Wohnungseinrichtung des reichen Bürgertums. Heute überreichen wir uns Sträuße, um uns Aufmerksamkeit zu erweisen, denn Blumen sind das Lächeln der Erde.



Warum hören wir gern Musik? (BB Radio, 2021)


Musik besitzt das Privileg, zu nichts gut sein zu müssen. Man darf sogar die Werke Mozarts und Beethovens nach Belieben parodieren, ohne dass jemand vorbringt, seine musikalischen Gefühle seien verletzt worden. Neben dieser ungewohnten Toleranz verbindet uns Musik innerlich mit anderen Menschen. Denn hören wir zum Beispiel Chart-Hits, dann verleiht uns der Gedanke Auftrieb, dass auf unserem Planeten gerade hundertausende Menschen diese Musik ebenfalls schätzen. In diesem Feld gibt weltweit noch immer das Radio den Ton an.



Warum lachen wir gern? (BB Radio, 2021)


Bei manchen Menschen fragt man sich ja besorgt, wohin ihr Humor sich verflüchtigt hat. Dabei ist Lachen eine grundlegende Kommunikationsform des Menschen, die als Reaktion auf erheiternde Situationen auftritt. Darüber hinaus dient Lachen auch der Entlastung nach überwundenen Gefahren und besitzt zudem die Funktion, drohende soziale Konflikte abzuwenden. Es ist immer schön, Menschen sich einer gelösten Heiterkeit überlassen zu sehen. Wo Humor nicht verstanden wird, befindet man sich in schlechter Gesellschaft.



Warum benutzen wir Fitness-Apps? (BB Radio, 2021)


Fitness-Applikationen und Gadgets erleben Hochkonjunktur. Dem Fortschritt unseres Fitnessprogramms schnallen wir gern eine Schrittzähler-App ans Bein. Der Grund liegt darin, dass es das menschliche Bedürfnis gibt, sich mit Sport selbst zu beeindrucken. Wenn schon andere kaum Notiz von unserem mühsam gestählten Körper nehmen, dann möchten wir es uns wenigstens selbst vor Augen halten können. Stolz stellen wir den elektronischen Pokal auf unser inneres Trophäen-Regal, dass wir eine sportliche Disziplin üben.



Warum haben wir Selbstzweifel? (BB Radio, 2021)


Die meisten Menschen sind besser, als sie selbst von sich denken. Dennoch zögern wir oft in zweifelnder Selbstprüfung. Der Grund liegt darin, dass wir meinen, andere hätten gewissermaßen einen Erfahrungsvorsprung. Da das Leben aber aus improvisierten Reaktionen auf Reize besteht, können uns andere eigentlich nicht wirklich voraus sein, erst recht nicht in unseren ganz persönlichen Angelegenheiten. Wir sollten also davon ausgehen, dass auch unsere Mitmenschen die Mangrovensümpfe der Selbstzweifel durchqueren.



Warum gehen wir gern auswärts essen? (BB Radio, 2021)


Essengehen besitzt natürlich den Vorzug, dass wir uns nicht um Einkauf, Zubereitung und Abtischung kümmern müssen. Darüber hinaus können wir aufwändigere Gerichte bestellen und uns zu neuen Erlebnissen verführen lassen. Hat ein Restaurant der lokalen Kochkunst den Rücken gekehrt und den Ruf einer besonders erlesenen Küche, ist es sogar legitim, unterwegs vor dem Besuch einen Hamburger zu verschlingen, um nicht möglichen Hunger mit kulinarischer Aufmerksamkeit interferieren zu lassen.



Warum beruhigt uns Vogelgezwitscher? (BB Radio, 2021)


In manchen Landstrichen sind Vogelstimmen so reich gemischt, dass selbst die Amsel Mühe hat, für ihre Strophen Gehör zu finden. In anderen Regionen muss man sich glücklich schätzen, wenn zwei Vögel um die Beeren streiten oder auch nur ein Vogel einige Töne trifft. Dennoch wirkt Vogelgesang auf uns beruhigend, da er positive Assoziationen von grünen Landschaften und Naturerlebnissen aus unserer Kindheit herauf beschwört. Außerdem schätzen wir Vögel als schöne Meister der Lüfte, die uns im Winter erlauben, mit Vogelfutter mildtätig zu werden.



Warum schauen wir unsere Lieblingsfilme und -serien mehrfach? (BB Radio, 2021)


Wie jedes Kunstwerk, besitzen Filme und Serien neben ihrem Inhalt immer auch die Komponente der Form. Es interessiert uns also nicht nur das Was der Erzählung, sondern das Wie. In der Kunst entscheidet die Reinheit der Linie. Wenn wir die inhaltlichen Erzählstränge bereits kennen, können wir uns durch wiederholtes Anschauen besser auf Feinheiten des Schauspiels konzentrieren, sowie auf Kostüme und Kulissen, Spezialeffekte, Filmmusik, Kameraführung und Schnitt. Wir Menschen lieben Wiederholungen, wie man bereits Kindern ablesen kann.



Warum sehen wir immer das Schlechte in der Gesellschaft? (BB Radio, 2021)


Manche benötigen den Kulturpessimismus quasi als Sterbehilfe. Sie meinen den Eindruck empfangen zu haben, dass die neue Zeit mit großer Abrissbirne gegen die harmonische Vergangenheit vorgeht. Da die Berichterstattung über Verwerfungen und Misshelligkeiten zwischen Menschen den Ton angibt, glauben wir, dass das Gute im Schwinden begriffen sei. Tatsächlich ist dies aber nur ein Wahrnehmungsfilter, denn in Wirklichkeit kommen die allermeisten Menschen wie eh und je kooperativ und freundlich miteinander in Berührung.



Warum schreiben immer mehr Menschen Bücher? (BB Radio, 2021)


Nach offizieller Statistik des Buchhandels werden in Deutschland jährlich etwa 70.000 neue Bücher veröffentlicht, das sind ca. 200 pro Tag. Diese hohe Zahl weist darauf hin, dass immer mehr Menschen sich berufen fühlen, ihrer Mitwelt die eigenen Gedanken als Druckwerk mitzuteilen. Offenbar gibt es ein geradezu weihnachtlich strahlendes Prestige von Büchern, sodass auch banalste Erlebnisse zu Buche schlagen. Nicht immer wird dem Leser dadurch ein neues Auge eingesetzt. Außerhalb der Belletristik schreiben auch viele Autoren von sachlichen Einführungswerken für die Mit-Unwissenden, die vor dem Substanziellen stehen wie Passanten vor den Vitrinen von Tiffany.



Warum duzen wir uns? (BB Radio, 2021)


Auf den ersten Blick wirkt es wie eine Geste freundschaftlicher Vertrautheit, wenn wir nichtverwandten Menschen das Du anbieten. Wir schlagen dadurch gewissermaßen den Zirkel um sie und zählen sie fortan zu unserem engeren persönlichen Kreis. Dennoch ist psychologisch bemerkenswert, dass wir standardmäßig diejenigen duzen, die wir ein wenig klein halten wollen: in erster Linie sind dies Kinder und alle Tiere, aber wir duzen auch digitale Sprachassistenten und nennen Könige und Päpste bei ihren Vornamen. Unter diesem Blickwinkel ist besonders aufschlussreich, dass wir Gott immer duzen.



Warum lieben wir Konzerte und Musikfestivals? (BB Radio, 2021)


Vor allem junge Menschen drängen sich gern in einer unbestimmten Erlebnisbereitschaft zusammen. Auf Musikkonzerten und Festivals können sie sich euphorischen Gefühlen hingeben, als sei nicht mehr die Schwerkraft bestimmend, sondern die Levitation, also die innere Abhebung. Man konzipiert sich dann quasi nicht mehr als schwere Körper, sondern als ekstatisches Gas. Im Zusammenspiel mit den vielen anderen Fans entsteht so eine Sturzwelle musikalischen Erlebens, die die Rezeptivität überschwemmt.



Warum pflegen wir Traditionen? (BB Radio, 2021)


In der heutigen Zeit verlieren wir mit hoher Geschwindigkeit das Patrimonium an geprägten Gewohnheiten und kulturellen Konstrukten, die uns bisher ausgemacht haben. Immer mehr Menschen fühlen sich freistehend von den hemmenden Fesseln der Tradition. Bei genauer psychologischer Betrachtung sind die meisten Traditionen nämlich Lösungen für längst vergessene Probleme. Dennoch gibt es uns seelischen Halt und stärkt Gemeinschaftsgefühle, an ihnen festzuhalten. Wir interpretieren die Pflege von Traditionen dann innerlich nicht als Aufbewahrung der Asche, sondern als Weitergabe des Feuers.



Warum zerdrücken wir gern Luftpolsterfolie? (BB Radio, 2021)


Alle unsere Fingerkuppen besitzen hunderte Berührungs- und Druckrezeptoren. Sie sorgen dafür, dass unser Tastgefühl hier hochsensibel ist. Beim Zerdrücken von Luftpolsterfolie kommt für den Gegendruck meistens sogar ein zweiter Finger ins Spiel. Das Platzenlassen von Bläschen schenkt uns dann ein kleines Machtgefühl. Die Mischung aus diesem taktil spürbaren Ereignis und dem angenehmen Plopp-Geräusch führt zu autogener Entspannung. Gehen wir systematisch Zeile für Zeile durch, wird auch unser Ordnungsbedürfnis noch befriedigt.



Warum fotografieren wir unser Essen? (BB Radio, 2021)


In früheren Zeiten waren gemeinsame Mahlzeiten in Großfamilie und dörflicher Gemeinschaft keine Seltenheit. Die Menschen aßen damals ihr Fleisch mit sichernden Blicken nach links und rechts. Heute führen wir auch virtuelle Tischgemeinschaften. Wir laden durch soziale Netze gewissermaßen zahlreiche Gäste an unsere Tafel, ohne sie tatsächlich sättigen zu müssen oder uns darum sorgen zu brauchen, dass wir von den besten Stücken nichts abbekommen. Erstaunlicherweise erhalten wir für das im Internet aufgetischte Essen nahezu die gleichen Komplimente in Form von Likes und Kommentaren wie damals am analogen Tisch, nämlich: "Mmh, lecker!"



Warum werden wir mürrisch? (BB Radio, 2021)


Große Teile unseres Lebens bestehen daraus, dass wir etwas zwar wollen, aber dennoch nicht vollbringen sowie dass wir etwas vollbringen, was wir eigentlich gar nicht wollen. Wir werden mürrisch, wenn wir innere Wünsche hegen, jedoch selbst nicht ausreichend dafür tun, sie uns zu erfüllen und stattdessen Dinge tun, die uns nicht gefallen. Deshalb kann es passieren, dass der Anteil der Säuren und Bitterstoffe in unserem Leben zunimmt. Soll er auf ein geringeres Niveau zurückgehen, müssen wir die Süße suchen und das Leben wie ein Stück Zucker auf unserer Zunge wirken lassen.



Warum packen wir einfache Dinge manchmal nicht an? (BB Radio, 2021)


Unsere Blockade gegen das Erledigen einfacher Aufgaben hat ihre Ursache in dem Zuviel von Alternativen. Mehr Wahlmöglichkeiten führen nämlich regelmäßig zu weniger Handeln. Die Motivation kommt jedoch oft erst nach dem Start, nicht vorher. Disziplin bedeutet also sich zu entscheiden zwischen dem, was man jetzt gerade möchte und dem, was man eigentlich noch mehr möchte. Wir sollten uns deshalb die Faustregel geben, alles, was weniger als 5 Minuten dauert, nicht zu verschieben, sondern sofort zu tun.



Warum bewundern wir Schauspieler? (BB Radio, 2021)


Viele Menschen sind bereits damit überfordert, die eigenen Rollen in ihrem Leben ohne substanzielle Abstriche zu verkörpern. Umso größer ist dann unsere Bewunderung für Menschen, denen es gelingt, auch noch in wechselnd fremden Rollen als Schauspieler Figur zu machen. Ein Schauspieler ist übrigens sogar im Privatleben jemand, der einen Blick für Szenen hat. Ich verrate hier noch ein Geheimnis: Die Kunst des großen und mit Preisen überschütteten Schauspielers besteht darin, seine Rollen einfach nur ein bisschen weniger zu spielen als es ein Laiendarsteller machen würde.



Warum begleichen wir Rechnungen auf den letzten Drücker? (BB Radio, 2021)


Wir Menschen neigen dazu, für uns Günstiges sofort wahrzunehmen, aber Unangenehmes eher auf die lange Bank zu schieben. In dem magischen Denken, eine Rechnung könnte durch bloßes Abwarten aus der Welt kommen, reagieren viele Menschen auf sie nicht mit der gebotenen Sorgfalt, sondern üben sich in Nachlässigkeit. Interessanterweise gilt aber psychologisch: Je früher wir einen Preis bezahlen, desto weniger wird er uns auf lange Sicht kosten.



Warum lieben wir Schokolade? (BB Radio, 2021)


Gerade jetzt im Advent halten wir uns gern schadlos an der Schokolade, die nun wieder vermehrt in unserem Zuhause lagert. Oftmals hat man ihren stimmungsaufhellenden Effekt dem in ihr enthaltenen Tryptophan zugeschrieben, das beim Abbau unser Glückshormon Serotonin erzeugt. Allerdings halten moderne Studien die Dosis dieses wie anderer chemischer Wirkstoffe hier für zu gering. Heute sieht man eher die Assoziation von Schokolade mit schönen Kindheitserinnerungen für ausschlaggebend an, sowie den Duft und ihre Konsistenz, die bei Raumtemperatur fest ist und bei Körpertemperatur zart auf der Zunge zergeht. Freilich werden durch sie auch unsere Ausmaße platzfordernder.



Warum empfinden wir Stress? (BB Radio, 2021)


Stress entsteht durch Widerstand gegen äußere Stimuli. Unser Körper spannt sich unter dieser empfundenen Belastung an und die Nebenniere schüttet das Hormon Adrenalin aus. Die evolutionäre Funktion des Stresses besteht in der Schaffung eines Selektionsvorteils durch steigende Toleranz gegenüber Reizen. Unter Stress meinen wir, dass die Anforderungen unsere eigenen Fertigkeiten übersteigen könnten, zum Beispiel bei Zeitdruck. Vielbeschäftigt zu sein, ist übrigens kein Ehrenzeichen. Es bedeutet nur einen Mangel an Freiheit.



Warum bestellen wir in Restaurants immer das Gleiche? (BB Radio, 2021)


Natürlich greifen wir immer gern auf Bewährtes zurück und möchten potenzielle Enttäuschungen vermeiden. Aber es schmeichelt auch unserem Ego, wenn wir unseren Stern enthüllen können und mit feuerfester Selbstgewissheit die präzisest mögliche Bestellung aufgeben. Uns bereits bekannte Speisen und Getränke erlauben uns nämlich, als Premiumgäste aufzutreten. Bestelle ich ohne Blick in die Karte auswendig die richtige Nummer oder in einer Kaffeehauskette in der korrekten Wortreihenfolge einen "Triple Grande Caramel Macchiato", erscheine ich wie ein Kenner der Materie und mein Lächeln bricht siegreich hervor.



Warum stellen wir Gartenzwerge auf? (BB Radio, 2021)


So mancher Garten ist freigebig mit Zwergen geschmückt. Historisch fußen sie auf dem mittelalterlichen Bergbau des 13. Jahrhunderts. Damals wurden aus Platzgründen bevorzugt kleinwüchsige Menschen in die engen Stollen geschickt. Mitunter haben sie zu gierig und zu tief geschürft und vieles aufgeweckt in der Dunkelheit. Psychologisch repräsentiert der Gartenzwerg also Fleiß und eine gewisse Zipfelmützigkeit, während die Gartenbesitzer selbst durchaus eine Enthaltung von Tat und Arbeit pflegen können.



Warum wollen wir Zuwendung, wenn wir krank sind? (BB Radio, 2021)


Manchen Menschen gibt ihre Erkrankung das tröstliche Gefühl, endlich in den inneren Kreis anerkannten Ruins vorgedrungen zu sein. Sie können dann für sich das Recht reklamieren, von ihren Mitmenschen sorgenvolle Zuwendung zu bekommen. Unter normalen Umständen sind wie ja mit Zuspruch eher zurückhaltend. Interessanterweise leben wir gesünder, wenn wir krank sind. Wir schonen dann unsere Kräfte, sind achtsamer beim Essen und Trinken und machen nur das, was uns gut tut. Dazu gehören eben auch unsere Sozialkontakte, sodass wir uns über deren magische Beschwörungen freuen.



Warum wird uns immer mehr Arbeit aufgehalst? (BB Radio, 2021)


Die Leute interessiert fast nie, was wir alles können, sondern was wir für sie tun können. Einem Lastesel, der sich als tragfähig erwiesen hat, wird so lange weitere Last aufgeladen, bis er darunter zusammen zu brechen droht. Deshalb sollten wir uns vor Augen halten: Wenn man "Ja" sagt, profitieren andere; wenn man "Nein" sagt, profitiert man selbst. Das muss für die Anderen kein Nachteil sein, denn jedes "Nein" verbessert unsere Fähigkeit, ein zukünftiges "Ja" zu erfüllen.



Warum kommunizieren wir mit Höflichkeitsfloskeln? (BB Radio, 2021)


Wir sind durch kommunikative Kompetenz normalisierte Wesen. Unser soziales Miteinander wird nämlich durch implizite Spielregeln bestimmt. Sie geben uns Halt und etwas Entspannung im Lebenskampf, indem wir voneinander vertraute Höflichkeitsfloskeln erwarten können. Der Homo sapiens ist ja dasjenige Lebewesen, welches seit Jahrtausenden von komplizierten Grußregeln und Nervositäten im Zusammenleben besiedelt wird. Werden wir gerügt mit den Worten "Fragst du gar nicht, wie's mir geht?", lautet die perfekte Antwort: "Ich habe nur auf einen Wink gewartet, mich nach der Art deiner Verlegenheiten mit Teilnahme erkundigen zu dürfen!"



Warum setzen uns Weihnachtsgeschenke unter Druck? (BB Radio, 2021)


Es steht abermals Weihnachten bevor. Die Gepflogenheit des Schenkens setzt jedoch sowohl die Schenkenden als auch die Beschenkten unter Druck. Denn einerseits kennen wir in einer Wohlstandsgesellschaft immer weniger die wahren Wünsche unserer Mitmenschen, sodass es lauter ahnungslose Geschenke gibt. Andererseits müssen wir auch auf der Beschenktenseite glaubensfromm der organisierten Heuchelei auf den Leim gehen. Man erwartet, dass wir unsere Geschenke mit der fast ironisch übertriebenen Bewunderung in Augenschein nehmen, mit der man sonst nur die Herrlichkeiten der Kinder zu bestaunen pflegt.



Warum haben wir Déjà-vus? (BB Radio, 2021)


Bekanntlich kommt unser Gedächtnis mitunter ins Straucheln. Hinter einem Déjà-vu steckt ein neurochemischer Vorgang im Gehirn, bei dem aktuelle Sinneseindrücke fälschlicherweise einer alten Erinnerung zugeordnet werden. Für einen winzigen Moment sind Kurz- und Langzeitgedächtnis nicht aufeinander abgestimmt, Hippocampus und Parahippocampus gaukeln uns Vertrautheit mit einer Situation vor, die wir irgendwie wiederzuerkennen glauben, aber in Wirklichkeit jetzt gerade zum ersten Mal erleben. Deshalb treten Déjà-vus nur in ganz belanglosen Momenten auf, zeigen uns aber wieder einmal: Das Gehirn wirkt wie eine Maschine zur Produktion von Überzeugungen.



Warum können sich viele nicht kurz fassen? (BB Radio, 2021)


Viele Menschen sind von großem, drängendem Gedankenreichtum und der mitteilenden Rede leidenschaftlich zugetan. Sie erschrecken bei ihren Ausführungen dann vor keiner Länge. Der Grund liegt darin, dass Worte Auskunft über unsere inneren Vorgänge liefern. Je strukturierter die Gedanken, desto rascher lassen sich Punkte setzen. Umgekehrt entsteht Redebedarf, sobald sich die alltäglichen Schwierigkeiten zum Knoten verdicken. Letztlich sind Worte ja nur komplizierte Luft. Im Idealfall sollte man deshalb nur reden, wenn das Reden wertvoller ist als die Stille.



Warum sind manche Menschen hochnäsig? (BB Radio, 2021)


Einige Menschen bemühen sich um eine überlegene Haltung. Sie meinen Grund zu haben, hochnäsig oder stolz zu sein. Ihr Hochmut ist dann oft reich an zynischen Nebengeräuschen. Ist jemand erfolgreich im Leben, war er aber oft nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort und missdeutet seine zufälligen Erfolge dann als eigene Leistungen. In Wahrheit hat niemand Anlass, von sich eingenommen zu sein oder sich für etwas Besseres zu halten, denn letztlich beweist jeder lebende Mensch seine Lebenstauglichkeit.



Warum glauben wir überall an Zusammenhänge? (BB Radio, 2021)


Wir Menschen ziehen überall Ideenverbindungen. Das heißt, wir lieben Assoziationen, in denen wir aber weitläufige Zusammenhänge zu sehen bereit sind. Dies hat seinen Grund darin, dass es kaum eine bequemere Art aller Betrachtungen gibt, als Vergleiche anzustellen. Das funktioniert praktisch immer, im Kleinen wie im Großen. Aber die Welt ist eigentlich nach allem, was man von ihr zu sehen bekommt, eher ein Schlachtfeld von konfus verteilten Lebenswillenspunkten als eine vernunftvoll beseelte Ganzheit.



Warum schätzen wir guten Wein? (BB Radio, 2021)


Es gibt kaum ein Obst, das in den Feinheiten von Anbau und Weiterverarbeitung so kompliziert ist wie die Früchte des Weinstocks. Gute Trauben reifen nicht von selbst an der Rebe und in der Flasche, sondern setzen lange Weinbau-Erfahrung voraus bei jährlichem Rückschnitt, Erziehung der Rebe, Ausbrechen, Einschlaufen und Entspitzen von Trieben, Auslichten der Traubenzone, Ertragssteuerung und Bodenpflege. Mit einem guten Wein nehmen wir also auch eine Jahrhunderte alte Winzertradition in unseren Körper auf, deren Kunst so manches Augenpaar zu höherem Glanze erweckt. Führt der Geist des Weines die Herrschaft über uns, sind wir vielleicht nicht mehr ganz wortmächtig, fühlen uns aber bestärkt.



Warum zeigen wir Geschirr in Vitrinen? (BB Radio, 2021)


In vielen Haushalten wirbt mindestens eine Vitrine um Andacht. Besonders ältere Leute platzieren dort Gläser, Sammeltassen oder vermeintlich wertvolles Porzellan. Fast jeder kennt irgendeine Vase, der man Echtheit nachsagt. In früheren Zeiten waren die Glas- oder Keramikarbeiten aus des Kunsthandwerkers Hand ein Statussymbol. Heute wird das Geschirr mit dem Goldrand lieber nicht in Gebrauch genommen, da die Spülmaschine ihm nicht gewachsen ist. Eine Vitrine ist dann ein guter Aufbewahrungsort, da sie zugleich einen mondäner Glanz abstrahlt.



Warum schlafen wir bei Vollmond schlechter? (BB Radio, 2021)


Den Mond sehen wir ja wechselnd abmagern und Fett ansetzen. Viele berichten, dass sie unruhevolle Nächte verbringen, wenn Vollmond-Licht auf dem Gesicht liegt. Immer wieder tauchen Vermutungen über eine Melatoninreduzierung durch sein helleres Licht und Studien aus Schlaflaboren auf, wonach wir bei Vollmond später einschlafen oder weniger tief schlummern oder auch alles widerlegt wird. Entscheidender dürfte unsere Erwartungshaltung sein, die unseren Schlaf in Besitz nimmt. Befürchten wir nämlich, die ganze Nacht aufzusitzen, können wir uns tatsächlich darauf einrichten, die Nacht nur in einer leichten Ruhe zu verbringen.



Warum vertrauen wir unserem Bauchgefühl? (BB Radio, 2021)


Unser Gemüt ist von wogenden Gefühlen bestimmt. Glauben wir, was die innere Stimme uns sagt, können wir auf anstrengendes Nachdenken verzichten und erfassen die Ganzheitlichkeit einer Lebenssituation intuitiv oft richtig. Allerdings müssen wir im Alltag auf gemischte Gefühle gefasst sein. Ein Zurück zur reinen Intuition mündet dann in Irrationalismus. Deshalb gilt es, die gefühligen Überschwemmungen zumindest etwas einzudeichen. In letzter Instanz sind sowohl die Gedanken als auch die Gefühle unsere Entscheidungen.



Warum lieben wir Schnee? (BB Radio, 2022)


Einige Menschen neigen ja zu Wintergrimm, wenn vor dem Fenster Schneeflocken stöbern. Dennoch lassen uns besonders die ersten Schneefälle nicht kalt. Selbst Wildtiere im Wald sind dann wegen der grellen Helligkeit zunächst scheu, aber wenig später toben bereits die Jungtiere im Schnee. Für uns Menschen besitzt eine Schneelandschaft nicht nur einem schönen Anblick, sondern alles läuft leiser und langsamer in ihr ab. Wir werden automatisch nachsichtiger zueinander und nehmen es gern zur Kenntnis, wenn über den Schnee ein Schlitten davon gleitet.



Warum lächeln wir uns zu? (BB Radio, 2022)


Leben bedeutet oft Mehrkampf. Dennoch lächeln wir uns nicht nur dann zu, wenn wir dringende Flirt-Interessen haben. Mit einem Lächeln signalisieren wir uns nämlich, dass wir vorerst auf Kampf verzichten. Mitunter genügt ein Augenzwinkern, wenn wir darin viel schmeichelhafte Vertraulichkeit zu legen wissen. Lächeln meint Begütigung, sodass wir sogar eine eigene Verzweiflung beschwindeln können. Auch wenn Lächeln rasch abflacht und von unseren Gesichtern verschwindet, um einem besorgten Ausdruck Platz zu machen, suchen wir doch zumindest die Simulation eines freundlichen Miteinanders und wünschen uns, vom Licht eines Lächelns angestrahlt zu werden.



Warum finden wir Ratten nicht niedlich? (BB Radio, 2022)


Wenn man Ratten genauer anschaut, sind dies eigentlich possierliche Tiere mit drolligen Gesichtszügen, großen schönen Augen, Stupsnase, niedlichen Ohren und putzigen Händchen. Dennoch mögen wir sie zumeist nicht, da sie sich als biologische Kulturfolger an die Nähe des Menschen zu gut angepasst haben, durch ihre Nagerzähne Materialschäden verursachen und als Vektoren auch Krankheitserreger wie Salmonellen und Hantaviren übertragen können. Auch unsere Lebensmittelvorräte und Müllcontainer sind für Ratten gefundenes Fressen. Im Gegenzug haben sie für uns als Laborratten aber immer so zuverlässig funktioniert, als hätte man sie mit Silizium gefüttert.



Warum sprechen wir weniger Dialekt als unsere Eltern? (BB Radio, 2022)


Früher waren Dialekte die Ausweise für eine bestimmte Heimat. Man erlebte Fremde, die nicht nur anders klangen, sondern Gespräche hie und da auch mit vollkommen unverständlichen Redewendungen würzten. Heute empfinden jüngere Menschen Dialekte eher als provinziell und beruflich hinderlich. Dennoch bleibt uns der in unserer Herkunftsregion übliche Zungenschlag unbewusst bis ins Alter ein wenig anhänglich, wenngleich gemildert durch Ortswechsel. Spätestens wenn wir die in der Heimat Zurückgebliebenen besuchen, gelingt es uns wieder erstaunlich gut, mit Mundart unsere Rede über jede Stolperschwelle zu heben.



Warum entwickeln wir Telefonphobien? (BB Radio, 2022)


Wir beobachten, dass immer mehr junge Erwachsene sich ängstigen, mit fremden Menschen ein Telefongespräch zu führen. Zum einen möchten sie nicht lästig fallen und jemanden aus der aktuellen Beschäftigung reißen. Ein Telefongespräch erzwingt ja eine sofortige Konversation, wohingegen eine Mail oder Sprachnachricht zurückhaltender und damit höflicher ist, weil das Gegenüber selbst entscheiden kann, zu welchem Zeitpunkt es darauf reagiert. Zum anderen fürchten viele, bei direkten Telefongesprächen ihr Anliegen vielleicht nicht präzise genug zum Ausdruck bringen zu können. Eine Mail oder Sprachnachricht können wir vor dem Abschicken ja korrigieren, wodurch sich einem Missverstehen besser vorbauen lässt.



Warum betrachten wir uns gern auf alten Fotos? (BB Radio, 2022)


Das Alter setzt unserem Erinnern Barrieren. Fotos geben dann lückenhaft Erinnerungen preis. Sehen wir darauf uns selbst, können wir uns der Eitelkeit hingeben, dass wir es offenbar schon damals wert waren, fotografiert zu werden. Es werden dann Gedächtnisinhalte aufgewärmt, die den Schlag unseres Herzens zu schnellerem Takte befeuern. In der Regel erkennen wir mit den Aufnahmen von früher, dass wir bereits in jungen Jahren ganz die oder der Alte waren.



Warum kommt es besonders an Wochenenden zu Streits? (BB Radio, 2022)


Man könnte sagen: Müßiggang ist aller Psychologie Anfang. Wenn wir nämlich keinen beruflichen Terminen nachgehen müssen und uns stattdessen ständig vor Augen haben, beginnen wir mit der Innenschau. Vornehmlich an Wochenenden und freien Tagen haben wir länger geschlafen, sattsam gegessen, der Gummizug unserer Hose hat schlapp gemacht und aus Überdruss wird es Zeit, die Streitaxt auszugraben. Viele Familien sind dann in ihrem Streit schon gut eingespielt.



Warum sind wir durch einzelne Lehrer geprägt? (BB Radio, 2022)


Die Schule gibt zu tun, damit die Jugend nicht müßig liege. Solange uns der Ranzen anhängt und die Eltern uns der Schule zutreiben, ist sie der bestimmende Mittelpunkt des Lebens. Wir sehen uns dort Lehrern gegenüber, die in ihren Fächern mehr wissen als unsere Verwandten. Je nach ihrer Unterrichtsführung plaudern sie entweder weit über unseren Kopf hinweg oder sprechen angenehm leise und unverständlich. Wir sind jedoch durch diejenigen Lehrer beeindruckt, die für ihr Fach brennen und einen Teil dieses Feuers auf uns abstrahlen. Die Prägung erfolgt also durch Energieübertragung und wirkt auch dann noch fort, wenn wir den Schulbesuch bereits endgültig eingestellt haben.



Warum zeigen große Geschwister elterliche Beschützerinstinkte? (BB Radio, 2022)


In einigen Familien werden der Fruchtbarkeit immer neue Zeugnisse abgerungen. Mit steigender Geschwisterzahl bildet sich unter denselben eine Rangordnung, die aber auch bereits bei nur zwei Kindern beobachtbar ist. Ältere Kinder erleben ein neues Baby nämlich zunächst als überraschend anfällig. Später registrieren sie gegenüber ihrem jüngeren Geschwister vor allem einen eigenen Wissensvorsprung. Aus dem wahrgenommenen Stärkeunterschied entsteht das Bedürfnis, Fürsorge auszuüben, um sowohl Schwesterchen und Brüderchen als auch den Eltern eine Freude zu bereiten.



Warum legen wir zunehmend Wert auf unsere Körper? (BB Radio, 2022)


Im Zeitalter der Metaphysik nannte man den Körper früher das "Gefängnis der Seele". Man empfand die seelische und geistige Entwicklung gewissermaßen als ausgebremst durch den Körper. Heute sehen wir eine interessante Umkehrung der Perspektive. Durch die zunehmende Zurschaustellung unserer Körper in sozialen Medien betrachten wir die Seele eher als das Gefängnis des Körpers. Beispielsweise demonstriert das Ringen um gutes Aussehen und gesunde und ethisch vertretbare Ernährung, wie sehr der heutige Körper von der Seele versklavt wird.



Warum belastet uns das Ende unserer Lieblingsserien? (BB Radio, 2022)


Unsere Fantasie ist schwerelos. Gute Serien ziehen uns nicht nur in den Bann interessanter Geschichten, sondern bieten auch Identifikationsprofile. Haben wir nämlich mit einer Figur über viele Folgen mitgelitten, erscheint uns ihr Denken und Handeln vertraut wie bei einem Familienmitglied. Zudem haben wir während des Serienschauens vielleicht öfters Snacks mit aggressiven Kalorienzahlen auf dem Schoß gehabt und uns in runder Form befestigt. Wir verknüpfen Serien dann seelisch mit entspanntem Lebensgenuss, was das Loslassen erschwert.



Warum geben wir gern Geld aus? (BB Radio, 2022)


Waren wir als Kinder und Jugendliche geldlich noch knapp gestellt, neigen wir als Erwachsene zur Kompensation durch Konsum. Das Geldausgeben verschafft uns ein vorübergehendes Glücksgefühl und die Selbstbestätigung, es geschafft zu haben, sich etwas leisten zu können. Natürlich kommt uns hierin der Kapitalismus mit seinem Überangebot von Waren und Dienstleistungen entgegen, in welchem es nicht um die Deckung, sondern um die Weckung von Bedürfnissen geht. Der wahre Wert des Geldes besteht übrigens darin, erschwingen zu können, viele Dinge nicht mehr zu tun.



Warum ekeln wir uns vor Insekten? (BB Radio, 2022)


Mit dem Frühling beginnt bald auch wieder die Zeit für Insektenfreunde. Gleichwohl reagieren viele Menschen auf sie mit Zurückhaltung. Unser Ekel ist jedoch nicht angeboren, sondern anerzogen und fußt auf der Angst, Insekten würden vermehrt Krankheiten übertragen. Außerdem irritiert ihre uns fremde, schnelle und unkontrollierbare Bewegungsart sowie die Tatsache, dass sie zumeist in Gruppen unterwegs sind. Nüchtern betrachtet, ist Ekel jedoch Unwissenheit. Denn ebenso gut könnten wir in den Insekten auch Tiere von Schönheit und faszinierender Eleganz sehen.



Warum fällt es uns schwer, anderen etwas zu gönnen? (BB Radio, 2022)


Die Schwierigkeit, anderen etwas zu gönnen, beruht auf einem Denkfehler: Der Erfolg eines anderen ist nämlich nicht gleichbedeutend mit dem eigenen Misserfolg. Dennoch machen wir immer wieder den Fehler, die Lebensfreude bei Mitmenschen assoziativ mit einer möglicherweise bei uns vorhandenen Lebensunzufriedenheit zu verknüpfen. Stattdessen kann uns der Gedanke helfen, dass etwas nicht zu wollen genauso gut ist wie es zu besitzen. Psychologischer Frieden bedeutet eigentlich nichts anderes als die Abwesenheit von Verlangen.



Warum reden alte Menschen gern über ihre Krankheiten? (BB Radio, 2022)


Unter alten Leuten teilt man außer Herzlichkeiten einander Krankheiten und deren Verlauf mit. In jungen Jahren sind wir mit Kräften am ganzen Körper noch reichlich beladen, aber später sind wir mit wuchtigen Kräften eher nicht mehr versehen. Die Anfälligkeit für Leiden wächst und Arztbesuche stellen regelmäßige Ereignishöhepunkte dar. Wenn wir dann mit Gleichaltrigen Bemerkungen über unsere Körperbeschaffenheit tauschen und eingehende Bemerkungen über unsere wechselnden Krankheitserscheinungen machen, können wir sicher sein, ein allgemeingültiges Gesprächsthema gefunden zu haben, bei dem jeder ein Wörtchen mitreden kann.



Warum sind kritische Kommentare im Netz verbreiteter als positive? (BB Radio, 2022)


Wir erleben, dass sich in den sozialen Medien die herabsetzende Kritik heiser schreit. Natürlich gab es feindselige Ablehnungen auch früher schon. Die sozialen Netze haben sie eigentlich nicht vermehrt, sondern nur sichtbarer gemacht. Dennoch ermuntert die Anonymität des Internets sowohl die Benutzer der linken wie der rechten Gehirnhemisphäre, ihrem eigenen Aufgewühltsein Luft zu machen. Sind wir nämlich mit etwas einverstanden, verhalten wir uns eher schweigend. Selten werden daher Kommentare im Internet so aufbereitet wie eine Weihnachtsgans, die allen schmecken muss.



Warum verwöhnen wir unsere Kinder? (BB Radio, 2022)


Durch Kinder gewinnt die eigene Existenz im positiven wie im negativen Sinne enorm an Komplexität. Dennoch hat sich unser Umgang mit ihnen gewandelt. In früheren Jahrhunderten war die zumindest teilweise einkalkulierte Arbeitskraft der Kinder eine Stütze der Familie. Wenn heute Babys an Licht kommen, so wird um sie sofort ein Zirkel der Schonung und Zärtlichkeit gezogen. Wir können es uns leisten, auf die Mitarbeit der Kinder im Haushalt oder gar auf dem Feld zu verzichten. Mitunter werden heutige Kinder ähnlich wie Geliebte gehalten. Es genügt uns beinahe, wenn sie in vornehmen Posen auf dem Sofa liegen.



Warum haben wir bei Krankmeldung ein schlechtes Gewissen? (BB Radio, 2022)


Es gibt eine gesunde Art krank zu sein. Hierzu gehört, dass uns einerseits dann Ratschläge von ärztlicher Umsicht auferlegt werden, für deren Verabsäumung wir uns nicht rüffeln lassen wollen. Andererseits bleiben wir auch im Krankheitsfall loyal gegenüber unseren Arbeitskollegen. Wir wissen nur zu gut, dass unser Ausfall die Arbeitslast der Anderen erhöht. Außerdem ist eine Krankmeldung mit dem Stigma mangelnder Leistungsfähigkeit belegt. Statt aller Arbeitsgeschäfte enthoben zu sein, entschließen wir uns dann manchmal zu schnell, unsere Erkrankung abklingen zu lassen und uns wieder in Arbeit zu setzen.



Warum führen Familienfeste oft zu Auseinandersetzungen? (BB Radio, 2022)


Feste bringen oft Unruhe in den Familienbetrieb. Denn wir sind nicht daran angepasst, stundenlang mit zahlreichen Familienmitgliedern auf engem Raum eingesperrt zu sein. Zu sehr unterscheiden sich unsere Anschauungs- und Lebensweisen voneinander. Sind wir dann zu langer Konversation gezwungen und wird dabei gar dem Alkohol zugesprochen, ist die Feierlichkeit rasch überwunden. Wo eben noch fester Boden war, zeigen sich schnell vermehrende Risse. Gottlob gibt es jedoch meistens ein oder mehrere Familienmitglieder, deren Versöhnungseifer die Familienmühle betreibt und vorübergehend befrieden kann.



Warum betrachten wir uns morgens ungern im Spiegel? (BB Radio, 2022)


Viele Menschen geraten morgens dem Spiegel in die Falle. Steht uns nämlich noch ein bisschen Schlaf in den Augen, glauben wir, dass wir übermäßig zerknittert seien. Wir bringen dann misstrauisch unser Gesicht dem Spiegelglas nahe und schneiden uns eine saure Grimasse. Wir wünschen nämlich nicht, dass unser Aussehen unsere Lebenslast ahnen lässt. Tatsächlich sehen andere aber bei uns nur, was sie zu sehen beschlossen haben und deshalb eigentlich das, was sie immer sehen. Aus diesem Grund könnten wir den Mut haben, uns auf dem Gebiete der Toilette mit einem Minimum zu behelfen.



Warum reduziert sich in der Lebensmitte unser Freundeskreis? (BB Radio, 2022)


Die Misanthropie ist älter als der Mensch. Schon der Großaffe in mittleren Jahren kann nach der Midlife Crisis zuweilen übellaunig werden und den Mitaffen nicht mehr leiden. Je älter wir nämlich werden, desto verhärteter sind wir in unseren Anschauungen. Unsere Flexibilität lässt zu wünschen übrig. Da dies jedoch bei vielen Gleichaltrigen ebenfalls abläuft, dampfen sich die Freundeskreise ein. Hinzu kommt, dass wir immer weniger meinen, auf sie angewiesen zu sein, da wir vieles mit Geld lösen, wofür wir früher Freunde gebraucht haben. Man kann sich übrigens nur Freunde machen, wenn man selbst einer ist.



Warum reden wir gern über unsere Probleme? (BB Radio, 2022)


Als Herdentiere lieben wir den Austausch mit anderen. Wenn wir einander unsere Kümmernisse mitteilen und Auskunft über unsere Befindlichkeiten geben, geschieht dies nicht nur, weil sich in uns Erzählmasse gestaut hat. Wir fühlen uns nämlich bereits gewertschätzt, wenn uns jemand nur zuhört und wir in einer Ohrmuschel Zuflucht suchen können. Indem wir über etwas reden, ordnen wir unsere eigenen Gedanken. Manche sind freilich ihren Herzenskummer zu verbergen bemüht, sodass nur der Aschenbecher Auskunft über die Fortschritte ihrer Krise gibt. Andere können in fließendem Therapeutisch über ihre Beschwerden sprechen. Das gesunde Maß liegt wie immer in der Mitte.



Warum bekommen wir Frühlingsgefühle? (BB Radio, 2022)


Solange vor dem Fenster Winter ist, bedarf es zahlreicher Hausmeister und Psychologen, um die schneebedeckten und auch innerseelischen Bürgersteige wieder deutlich zu machen. Reißen im Frühjahr dann die Wolken auf, wird dies von uns mit überfließendem Herzen bejaht. Die Tageshelligkeit ist nämlich deutlich höher als im Winter, sodass unsere Produktion des Müdigkeitshormons Melatonin gedrosselt und die des aktivierenden Serotonins gefördert wird. Auch viele Tiere paaren sich vermehrt im Frühling. Von der Natur kommt also heiterer Zuspruch und wir können den Becher der Lebenslust kippen.



Warum tun uns Telefonate mit guten Freunden gut? (BB Radio, 2022)


Wir Menschen sind manchmal außer Stande, die Gedanken zu ordnen, die uns tausendfältig bestürmen. Es helfen dann Telefonate im Freundeskreis, da wir hier Bericht geben oder unseren Sündenpfuhl ausleeren können. Werden gute Freunde zu Rate gezogen, wenn uns Trübsal erfasst, fungieren sie als unsere Zündschlüssel und sind mitunter durchaus auch in der Lage, unser Schifflein wieder flott zu machen.



Warum können Männer schlechter zwischen den Zeilen lesen? (BB Radio, 2022)


Frauen sind bei der Partnerwahl auf der Suche nach Männern, die die materiellen Probleme klein halten. Deshalb haben im Laufe der Menschheitsgeschichte die Männer gelernt, der Welt eher sachlich zugetan zu sein. Frauen hingegen orientieren sich stärker an ihren Beziehungen zu anderen Menschen und haben deshalb die Fähigkeit erworben, feinere Subtexte zu lesen. Denn zwischen den Zeilen liegt der Raum für emotional Mitgemeintes und Zwischenmenschliches. Dorthin reicht kein nüchterner Geradsinn. Daher fürchtet man auch zu Recht alte Männer, deren Finger nah am Drücker zittern.



Warum sind wir reizbarer, wenn wir Hunger haben? (BB Radio, 2022)


Hinter unserer Reizanfälligkeit bei Hunger steckt der Blutzuckerspiegel. Ist er zu niedrig, fehlt besonders unserem Gehirn Energie. Folgerichtig werden wir unkonzentriert, begehen vermehrt Fehler und uns fehlt regelrecht die Kraft, nett zu sein. Unser Körper stößt das aus 36 Aminosäuren bestehende Neuropeptid Y aus, einen Botenstoff, der uns aggressiv gegenüber anderen Menschen werden lässt. Alles gibt uns Reizfutter und unsere Gedanken sind fast nur noch auf mögliches Essen gerichtet. Mit wölfischem Hunger drängen wir uns dann an den Tisch und stopfen uns heißhungrig.



Warum lassen wir uns durch Horrorfilme ängstigen? (BB Radio, 2022)


Horror- und Gruselfilme setzen auf die Funktionstüchtigkeit unserer Spiegelneuronen. Denn wenn den Protagonisten Unheilvolles widerfährt, werden auch in unseren Gehirnen ähnliche Empfindungen wachgerufen. Bereits in alten Märchen steht dunkel uns der Wald nahe, in dem sich Kinder verlaufen und in vielerlei Gestalt die Angst wurzelt. Früher genügte es in Gruselfilmen, wenn sich eine Orgel mit Macht hören ließ; schon setzte in allen Spielarten unsere Angst ein. Heute sind wir etwas abgestumpfter und nehmen auch stärkeren Tobak. Psychologisch gewendet, bleiben wir durch die Kunst von Horrorfilmen gefordert, unsere Ängste aufzufrischen.



Warum fühlen wir uns in langjährigen Partnerschaften voneinander genervt? (BB Radio, 2022)


Währt eine Partnerschaft viele Jahre, kennen wir die Unverbesserlichkeit der beiderseitigen Macken und sind auch der immer gleichen Geschichten des Partners überdrüssig. Fast alle Frauen nehmen daher an den Reden ihrer Männer Anstoß und auch die Männer lassen in ihrer zuwendungsvollen Spannkraft nach. Sind die Frauen gar irgendwann lieber mit ihren Freundinnen und die Männer mit Bierflaschen befasst, werden im Extremfall bei der Zubereitung von Pilzen neben essbaren Sorten auch solche in Betracht gezogen, die die Gesundheit des Anderen zu schädigen imstande sind.



Warum geht es uns besser, wenn wir bei Frust ein wenig tanzen? (BB Radio, 2022)


Bemächtigt sich Frust oder Niedergeschlagenheit unseres Geistes, ist nicht immer jemand da, gegen den wir unser Herz ausschütten können. Möchten wir dennoch über den Kummer hinweg kommen, den bestimmte Ereignisse eingerührt haben, hilft ein wenig Tanzen. Sowohl unser Körper als auch unsere Seele geraten dadurch wieder in Fluss. Die harmonischen Bewegungen sorgen dafür, dass unserem verengten Herzen ein positiver emotionaler Schrittmacher geschenkt wird.



Warum folgen wir Influencern? (BB Radio, 2022)


Streng genommen sind den Influencern keine besonderen Gaben zuzusprechen. Die meisten von ihnen besitzen weder gute Erfahrung in praktischer Berufsausübung noch haben sie je beschlossen, die Brust einer Universität anzunehmen und sich mit den Anfängen irgendeiner Kunst oder Wissenschaft vertraut zu machen. Dennoch befolgen wir gern ihre Lebens- und Kosmetiktipps, da uns ihr Talent genügt, sich auf dem Stuhl vor der Webcam gefällig zu wiegen. Durch den nicht abreißenden Strom ihrer Postings wird uns eine Vertrautheit vorgegaukelt, die wir als eine moderne Form von Freundschaft wahrnehmen.



Warum stehen wir ungern im Mittelpunkt? (BB Radio, 2022)


Mit kaum etwas kann man die Menschen leichter ködern und die Wissenschaft nachhaltiger verwirren als mit der humanistischen Forderung, der Mensch habe im Mittelpunkt zu stehen. Tatsächlich stehen die wenigsten Einzelwesen gern im Brennpunkt der Aufmerksamkeit, da die Wahrscheinlichkeit von Blamieren steigt, je mehr Augenpaare auf uns gerichtet sind. Es ist wesentlich bequemer und energiesparender, sich einer beliebigen Mehrheitsgruppe anzuschließen und von dort aus in schlaffer Haltung nur zu beobachten.



Warum haben wir Angst vor dem Zahnarzt? (BB Radio, 2022)


Wenn sich in unserem Mund gesunde Zähne sehen lassen sollen, werden Zahnarztbesuche früher oder später zur unaufschiebbaren Notwendigkeit. Allerdings gelingt es nicht allen, dort Haltung zu bewahren und den Praxisaufenthalt als innere Gleichgewichtsübung zu bewältigen. Intuitiv halten wir nämlich die Gerätschaften für zu hart, spitz und laut, um sie in unserem sensiblen Mund wirken zu lassen. Hinzu kommt, dass das Ambiente oft wenig tut, um den Patienten in sorgloser Stimmung zu halten. Ein martialisch anmutender Behandlungsstuhl nebst heller Lampe und Spülungsbecken machen das Vertrauenfassen schwer.



Warum haben wir im Frühling mehr Energie? (BB Radio, 2022)


Nach einem langen Winter sind unsere Lichter oft herabgebrannt oder nahezu ausgelöscht. Uns setzt das unschöne Wetter zu und wir klagen über den Winterfrost der Trostlosigkeit, der uns beim Anblick der Welt überfällt. Mit dem einsetzenden Frühling beleben sich auch unsere Kräfte, da der Himmel Farbe annimmt, die Tage länger und wärmer werden, und wir vom auftrumpfenden Pflanzenwachstum umgeben sind. Es bietet sich uns wieder ein Füllhorn von Aktivitätsmöglichkeiten im Freien und die Knospenbotschaft im März lässt auch die seelischen Himmel von Tier und Mensch erhellen.



Warum können wir nicht einschlafen, wenn wir grübeln? (BB Radio, 2022)


Grüblerische Gedanken können unseren Schlaf durchaus in Besitz nehmen. Zum Einschlafen muss nämlich unser Gehirn chemische Substanzen freisetzen, die das Bewusstsein abschalten. Das logisch-kohärente Denken beginnt zu zerfallen und es senkt sich der Schlaf über uns. Bewegen wir in unserem Schädel jedoch allerhand Grübeleien, die auch noch emotional besetzt sind, meint unser Gehirn noch Dinge erledigen zu müssen und hält uns wach. Bevor unsere Furcht vor der Zukunft ins Riesenhafte wächst, sollten wir dann lieber noch einmal aufstehen und kurz auf die Toilette gehen.



Warum möchten wir manchmal einfach nur allein sein? (BB Radio, 2022)


Zuweilen möchten wir uns in mentaler Einsamkeit einpuppen. Der Grund liegt in der Anstrengung, die uns unsere komplizierten Sozialbeziehungen täglich abverlangen. Vorübergehend nicht kommunizieren zu müssen, spart Energie und unsere Kräfte erhalten eine Möglichkeit zum Sammeln. Wir können uns dann vor der Welt vergraben und ungestört mit dem Leben und unserem Schicksal Zwiesprache halten. Falls wir übrigens eine Verteidigungslinie für unseren zeitweiligen Rückzug benötigen, können wir so tun, als seien wir von unbestimmt künstlerischer Beschäftigung.



Warum fällt uns Verzicht auf Alkohol schwer? (BB Radio, 2022)


Viele Menschen erwägen, mit dem Alkoholkonsum gänzlich aufzuhören, schwanken aber noch. Denn abgesehen von seinem tatsächlichen Suchtpotenzial glauben wir an den geselligen Effekt eines gemeinsamen Trinkens und haben uns außerdem antrainiert, Alkohol dann aufzunehmen, wenn uns gerade nichts Besseres einfällt. Bevor wir jedoch grundlos der Natur zuprosten, sollten wir uns vor Augen führen, dass jedem Schluck Alkohol auch bleihaltige Schwermut beigemischt ist. Selbst wenn wir zunächst Fidelität spüren oder im Rausch unseren wechselseitigen Flirtroutinen unterliegen, so fallen alkoholisch enthemmte Gemüter doch irgendwann auf Nüchternheit zurück.



Warum erliegen wir selbsterfüllenden Prophezeiungen? (BB Radio, 2022)


Erwartungshaltungen lenken unser Erleben und Verhalten in eine bestimmte Richtung. Da wir an unsere eigenen Zukunftsprognosen glauben, agieren wir so, dass sie sich erfüllen. Sobald nämlich schrittweise eintritt, was wir erwartet haben, verstärken wir unbewusst unser entsprechendes Verhalten, um noch mehr Erwartbares zu verwirklichen. Die Erfundenheit von etwas beinhaltet übrigens keinen Einwand gegen die Wahrheit einer Sache, so wie die Tatsache, dass Flugzeuge Erfindungen sind, die Tatsache ihres Fliegenkönnens nicht widerlegt.



Warum mögen wir keine perfekten Menschen? (BB Radio, 2022)


Dort, wo Sprünge in den Dingen und Menschen sind, kommt das Licht herein. Deshalb sind wir eigentlich voller Duldsamkeit gegen die Schwächen unserer Artgenossen. Solange noch Potenzial nach oben vorhanden ist, sind unsere Mitmenschen unvollkommen wie wir selbst und wir brauchen uns an ihrer Seite nicht allzu klein zu fühlen. Wir können dann gemeinsam wachsen. Liebenswürdig ist daher immer nur der Verlangende, nicht der Satte.



Warum sind uns Social-Media-Likes wichtig? (BB Radio, 2022)


Elektronische Medien als Instrumente der Selbstpräsentation fügen sich heute nahezu jedwedem persönlichen Wunsch. Wir können uns darstellen, wie wir es wollen. Werden unsere Postings geliked, empfinden wir dies zwar als Selbstbestätigung und Ermunterung, auf dem eingeschlagenen Pfad fortzufahren. Letztlich zappeln wir aber wie gefangene Fische im Netz. Denn wir gelangen nur dadurch in die Schaumkronen öffentlichen Wahrgenommenwerdens, wenn wir dem entsprechen, was andere an uns sehen möchten. So betrachtet bedeutet auch Prominenz heute nichts anderes als das Haben von Gefolgsleuten.



Warum legen wir Wert auf Pünktlichkeit? (BB Radio, 2022)


Wir Deutschen erscheinen fast überall mit großer Pünktlichkeit. Selbst wenn bei schlechtem Wetter ein Regen mit der Straße flüstert, kommen unsere Autos und Züge noch immer vergleichsweise pünktlich durchs Gesprühe. Wir betrachten dies nämlich als Tugend und als Ausdruck unserer Ernsthaftigkeit und Effizienz. Überdies möchten wir die auf uns Wartenden wertschätzen, indem wir ihre Zeit nicht über Gebühr beanspruchen. Dennoch funktionieren Gesellschaften auch dann, wenn alle ein wenig entspannter agieren. Genau genommen ist es nämlich nie zu spät, unpünktlich zu sein.



Warum haben wir Haustiere? (BB Radio, 2022)


Johann Gottfried Herder meinte, wenn man aufrecht geht, kann man zum Gott der Tiere werden. Das heißt, wir sind zwar selbst aus der Säugetierreihe hervor gegangen, möchten uns aber über jene erheben. Da Tiere keine verneinten Aussagen bilden, werden wir durch sie nicht in Frage gestellt. Gleichzeitig lebt unser Zuhause durch Tiere auf. Sie sind wie Kinder, die unsere Zuwendung lieben, wenngleich sie natürlich nicht durchgängig eine schneckenförmige Ruhestellung einnehmen. Auch in der Welt der Tiere gibt es nämlich schwarze Schafe.



Warum können wir Süßigkeiten kaum widerstehen? (BB Radio, 2022)


Das Verlangen nach Süßem wurde ins in die Wiege gelegt, denn wir haben bereits Muttermilch als süß und nahrhaft erlebt. Zucker drosselt die Ausschüttung von Stresshormonen und führt zu schneller Beruhigung, weshalb wir uns an ihn wie an eine Droge gewöhnen. Geben wir unserer Lust am süßen Essen nach, tun wir unserem Körper zwar zunächst etwas Gutes, mittelfristig werden wir aber natürlich rundum straff und setzen dann durch unser Auftreten Kontur.



Warum vergessen wir Geburts- und Hochzeitstage? (BB Radio, 2022)


Generell kann man sagen, dass wir uns merken, was uns wichtig ist und vergessen, was uns eher unwichtig erscheint. Da Frauen oftmals beziehungsorientierter als ihre Partner sind, neigen vorrangig die Männer zum Vergessen von Geburts- und Jahrestagen. Sie messen den Kalenderdaten weniger Gewicht zu, da sie sich zu sicher fühlen, ihre Partnerinnen würden ohnehin längerfristig bei ihnen bleiben und auf einzelne besondere Tage käme es nicht an. Frauen vollziehen diesen Schluss jedoch nicht mit derselben Geradlinigkeit. In solchen Situationen fühlen wir uns nämlich wie eine missratene Vase, welche der Töpfer zu den Scherben wirft.



Warum ähneln wir unseren Hunden? (BB Radio, 2022)


In jedem fünften deutschen Haushalt werden wir von Hunden umsprungen. Die rund 10 Millionen Hunde weisen tatsächlich mitunter Ähnlichkeiten zu ihren Haltern auf. In äußerlicher Hinsicht betrifft dies aber nicht etwa die Frisur, sondern den Ausdruck der Augen. Wir finden nämlich intuitiv solche Tiere sympathischer, in denen wir Parallelen zu uns selbst sehen. Wir werden dann wehrloser in unserer Kaufentscheidung. Noch wichtiger sind freilich Ähnlichkeiten in der Persönlichkeitsstruktur zwischen Hund und Halter, da das jeweilige Tier zu unserem gegenwärtigen Lebensstil passen muss.



Warum bekommen wir nie genug? (BB Radio, 2022)


Wenn etwas uns gute Gefühle macht, wollen wir immer mehr vom Gleichen, weil sich nämlich Emotionen viel zu schnell abschwächen und aufgefrischt werden wollen. Es sind also weniger die Dinge selbst, für die wir kein Maß finden, sondern die Gefühle an ihnen. Goethe hat jedoch bemerkt, in der Beschränkung zeige sich der Meister. Bei Genügsamkeit geht es schließlich nicht darum, nichts zu besitzen, sondern darum, dass nichts uns besitzt. Wer dies begriffen hat, für den ist die Welt ein Obstgarten mit tiefhängenden Früchten.



Warum flippen wir aus? (BB Radio, 2022)


Das klassische Ausflippen bedeutet, dass wir auf Reize nicht mit der angemessenen Energie reagieren. Wenn wir uns von einer Situation emotional stark beansprucht fühlen, überschätzen wir ihre Wichtigkeit. Folgerichtig ist auch unsere Reaktion auf diese Situation dann überschießend und in ihrem Maß verfehlt. Wer aus der Haut fährt, möchte unbedingt Oberhand gewinnen, um die Kontrolle über die vermeintlich ins Kraut geschossene Lage zurück zu erlangen. Teilen wir jedoch verletzende Hiebe aus, suchen uns zum Ausgleich später Schuldgefühle heim.



Warum wirken Männer manchmal unsensibel? (BB Radio, 2022)


Fragt man als Psychologe Frauen nach ihrem Wunschpartner, dann soll er immer aufmerksam, humorvoll und fürsorglich sein. In der Realität wirken männliche Bemühungen um ihre Partnerinnen aber oft so unsensibel, als würde man mit Gewehrschüssen auf eine Uhr deren innere Mechanik in Gang setzen wollen. Der Grund liegt jedoch nicht darin, dass ein Mann weniger zur Beziehungspflege befähigt sein würde, sondern er hat das Gefühl, seine Frau zu lieben und das gute Gewissen, dass es so sei, lässt ihn von besonderen Anstrengungen absehen.



Warum lieben wir Fingerfood? (BB Radio, 2022)


Die Handhabung von Besteck stellt bei Kleinkindern und in archaischen Zeiten und Kulturen nicht die favorisierte Form der Nahrungsaufnahme dar. Auch die christliche Kirche hatte im Mittelalter noch betont, dass Jesus seine Speisen mit den Fingern gegessen hätte. Jahrhundertelang führten wir bestenfalls als persönliche Ausrüstung kleine Löffel und Essmesser in Lederfutteralen mit uns, die wir an unsere Gürtel steckten, woraus sich übrigens das Wort "Besteck" ableitet. Tatsächlich sehnen wir uns aber nach Speisen, die vorausschauend in so mundgerechten Häppchen serviert werden, dass wir uns beim Essen wie die ersten Menschen fühlen können.



Warum finden wir Hinwege länger als Rückwege? (BB Radio, 2022)


Auf Hinwegen befinden wir uns in größerer Nervosität und eine Erwartungshaltung bezüglich des Zieles versetzt uns in Anspannung. Dadurch wird unser subjektives Zeitempfinden verlangsamt. Außerdem brechen wir bei unbekannten Reisezielen ja von unserem vertrauten Zuhause auf, dessen Umgebung wir noch mehrere Kilometer weit gut kennen. Deshalb bekommen wir erst viel später das Gefühl, jetzt erst richtig unterwegs zu sein, sodass sich die empfundene Fahrtzeit des Hinwegs verlängert. Auf dem Rückweg haben wir dann unser Zuhause fast schon erreicht, sobald auch nur im entferntesten unser Heimatort sichtbar wird.



Warum singen wir unter der Dusche? (BB Radio, 2022)


Der Akt des Duschens braucht nicht sang- und klanglos statt zu finden, sondern kann durch selbsterzeugte Töne flankiert werden. Das Rauschen des Wassers, die Akustik der Badfliesen und das trügerische Gefühl, nicht gehört zu werden, ermuntern uns zur Musikerzeugung. Auch wenn wir nur auf wenigen Tönen beharrend singen, oder wenn wir pfeifen, ohne ein Lied dabei zu meinen, nimmt unsere Entspannung zu. Wir geben unserem Atem eine kontrollierte Form und erweitern die Körperpflege um ein Element der Harmonie.



Warum brauchen wir manchmal Rat von Freunden? (BB Radio, 2022)


In unserer Psyche wälzen wir mitunter formlosen Stoff vor uns her oder sind außerstande, die Gedanken zu ordnen, die uns tausendfältig bestürmen. Dann ist Rat aus dem Freundeskreis Gold wert. Nicht immer sind wir nämlich in der Lage, Entscheidungen nur alleine zu treffen, sondern können und sollten auf die Lebenserfahrungen unserer Freunde zurückgreifen. Darin unterscheiden sie sich auch von professionellen Beratern, denn in der Beraterbranche geht oft der Rettungswagen dem Notruf voraus und die Lösungen sind da, bevor die Probleme nach ihnen verlangen.



Warum kuscheln wir gern? (BB Radio, 2022)


Eine Partnerschaft wirkt zuweilen wie eine Krücke, an der die Zärtlichkeit durch die Jahre hinkt. Wir Menschen lieben zarte Berührungen, da wir sofort entspannen können, wenn wir echte Zuwendung spüren und unsere Hautoberfläche nicht verteidigen müssen. Kuscheln stiftet seelische Nähe und lässt bei manchen auch weitergehende Fantasien in Schwung kommen. Allein die Tatsache, dass die Natur das Hormon Oxytocin vorgesehen hat, zeigt die Wichtigkeit dessen an, was den Männern die Illusion von Langlebigkeit einbringt und den Frauen die rosigen Wangen.

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