Beiträge für einen Podcast (2)
Warum meckern wir gern? (BB Radio, 2021)
Unser Volk ist im Murren geübt. Wenn wir meckern, verschaffen wir uns ein Gefühl von Überlegenheit, denn über Dinge, die wir ablehnen, glauben wir ja Urteile fällen zu können. Diese Sicht erzeugt das deutsche Wetter, das landesübliche Grau. Schon Heinrich Heine konnte ein Lied davon singen. Psychologisch ist es wesentlich leichter, etwas zu missbilligen als ihm zuzustimmen. Bei Rainer Maria Rilke fallen bekanntlich sogar Blätter mit verneinender Gebärde.
Warum haben wir oft falsche Vorstellungen vom Ruhestand? (BB Radio, 2021)
Demografisch gesehen sind alte Leute gewaltig im Kommen. Die Werbung zeigt uns dabei gut erhaltene Paare auf störungsfreier Kreuzfahrt oder in milder Parkbank-Erotik. In der Realität stellt sich im Alter aber nicht automatisch Sorglosigkeit ein und manche Hoffnungen legen sich schon aus gesundheitlichen Gründen schlafen. Auf der anderen Seite kann der Ruhestand aber eine viel schönere Lebensperiode als erwartet sein, da sich ein Gefühl von Genugtuung einstellt, wenn man schon viel hinter sich gebracht hat.
Warum reden wir gern über das Wetter? (BB Radio, 2021)
Wir alle sehen uns wechselndem Wetter ausgesetzt. Da wir es nicht wirklich beeinflussen können, machen wir nie einen Fehler, es zu beschreiben und zu bewerten. Das Wetter ist über alle Berufsgruppen hinweg ein perfektes Konversationsthema. Ob die Sonne über dem Grase brütet oder Regen uns zögern lässt, das Freie aufzusuchen - jeder hat genügend Wettererfahrung und darf demnach gleichberechtigt mitreden.
Warum essen wir zu viel? (BB Radio, 2021)
Die meisten Menschen essen ohne allzu viel Widerwillen. Bereits im alten China sagte man: Das Essen ist der Himmel des Volkes. Wir nehmen aber nicht nur dann mehr Nahrung als benötigt auf, wenn Mahlzeiten rasch verabfolgt werden, sondern eigentlich auch dann, wenn wir gesundheitsbewusst nur eine Möhre kürzen oder einen Apfel krachen lassen. Ein psychologischer Grund liegt darin, dass die Meinungen der Menschen sich nach Mahlzeiten ändern. Durch Essen geben wir unbewusst also unseren Gedanken neue Richtung. Deshalb gibt es übrigens auch Diplomaten-Bankette.
Warum sind für uns Gerüche wichtig? (BB Radio, 2021)
In der Luft schweben Duftmoleküle, die zu den Riechzellen unserer Nase gelangen. Dort docken sie an 350 unterschiedliche Rezeptortypen an, deren Eindrücke sich kombinieren und an unser Gehirn geleitet werden. Wir selbst geben auch Duftstoffe für unsere Artgenossen ab, die Pheromone, die unbewusst Hormone und Emotionen auslösen. Durch die enge Verzahnung des Riechens mit unseren Gefühlen bedarf es oft nur einer flüchtigen Geruchsprobe, um die Nase voll zu haben.
Warum hören wir manchmal nicht zu? (BB Radio, 2021)
Obschon manche Menschen immer redetüchtig bleiben, stellen sich ergebene Zuhörer nicht automatisch ein. Befinden wir uns nämlich in einer elegischen Stimmung oder hängen eigenen starken Gedanken nach, reichen unsere kognitiven Kapazitäten nicht mehr aus, anderen zuzuhören. Wie es im Märchen die Tarnkappe gibt, so gibt es also im wirklichen Leben die Erscheinungskappe, die uns sichtbar macht, obwohl wir eigentlich nicht da sind.
Warum sind wir selbstkritisch? (BB Radio, 2021)
Auf den ersten Blick wirkt es ja bescheiden und sympathisch, wenn wir uns selbstkritisch geben. Tatsächlich öffnet Selbstkritik jedoch den Zugang zum Eigensinn. Durch das Einräumen eines Fehlers als persönliche Schwäche rufen wir für sein erneutes Auftreten quasi im voraus um Verzeihung an. Interessanterweise gilt dies auch für unsere eigene Psyche. Was immer wir großmütig mit Selbstkritik markieren, können wir anschließend fortsetzen und als Marotte pflegen.
Warum brauchen wir Vorbilder? (BB Radio, 2021)
Zwischen uns Menschen existieren Vertikalspannungen. Das heißt, wir orientieren uns nach oben und nehmen einzelne Artgenossen als Vorbilder in den Blick, die schon mehr erreicht haben als wir selbst. Wir benötigen sie als Inspiration oder Schablone für unsere eigenen Veränderungsbemühungen. Im Internet nennen wir Beobachter witzigerweise Follower. Gottlob denken von denen aber die meisten keine Sekunde lang daran, dem Star, dessen "Seite" sie besuchen, in irgend einer Weise zu "folgen".
Warum verwenden wir Ironie? (BB Radio, 2021)
Ironie ist ein feiner Spott, mit dem wir etwas dadurch zu treffen suchen, wenn wir es unter dem augenfälligen Schein der eigenen Billigung lächerlich machen. Durch eine distanzierte, das Zeitgeschehen ironisch relativierende Weltbetrachtung geben wir uns einem Gefühl von Überlegenheit hin. Die Haltung liberaler Ironie gegenüber allem Ernstgemeinten ist aber leicht nachahmbar und entspricht in etwa der Einstellung des Kunden, der über den Markt spaziert, ohne zu kaufen. Ironische Geringschätzung ist also ein Kompromiss zwischen Anpassung und Subversion.
Warum träumen manche vom ewigen Leben? (BB Radio, 2021)
In letzter Zeit hört man immer öfter von Forschungen vor allem aus dem Silicon Valley, bei denen unsere Alterungsprozesse gestoppt werden sollen durch genetische Eingriffe, neue Medikamente und Nanoroboter für Zellreparaturen. Offenbar sehen diese Forscher den Tod ungern und versprechen sich unaufhörliches Glück durch frivole Langlebigkeit. Bei psychologischer Betrachtung ist es eigentlich bedeutungslos, unsterblich zu sein. Vom Menschen abgesehen sind es alle anderen Geschöpfe nämlich bereits, da sie vermutlich das eigene Altern nicht erfassen.
Warum weinen wir Freudentränen? (BB Radio, 2021)
Entgegen landläufiger Meinung, ist Weinen gar kein Ausdruck von Trauer, sondern von Machtlosigkeit. Sobald wir uns ohnmächtig gegenüber starken emotionalen Momenten fühlen, versucht der Hypothalamus im Gehirn, uns an diese Belastung anzupassen. Tränen können dann das emotionale Gleichgewicht wieder herstellen, weil sie Gefühle quasi in Körperreaktionen umwandeln und abfließen lassen. Einige Menschen bleiben dann jedoch auf ihren Tränensäcken sitzen.
Warum sind wir gern im Wald? (BB Radio, 2021)
Der moderne Mensch empfindet sich nicht mehr als Bewohner der Natur, sondern als ihr Deserteur. Dennoch tragen wir unser altes evolutionäres Erbe als Waldwesen in uns und versuchen uns mit ihm wieder zu verbinden. Wo wir hausen, grenzt Wald an. Von Zeit zu Zeit möchten wir ihn betreten, da wir ihn als offenen Neugier- und Überraschungsraum betrachten wollen. In Deutschland muss es uns natürlich noch gelingen, den strammgestandenen Kiefern und Fichten ihr Preußentum auszutreiben.
Warum haben wir ein angespanntes Verhältnis zu unseren Schwiegereltern? (BB Radio, 2021)
Psychologisch muss man unterscheiden zwischen der naturwüchsigen Familie und der erworbenen. Mit unserer eigenen Herkunftsfamilie teilen wir gemeinsame Gene und sind einander seit Jahrzehnten vertraut. Die Schwiegereltern hingegen beurteilen wir nicht nur aufgrund unserer eigenen Erfahrungen, sondern auch durch Erzählungen mit der Brille unseres Partners. Wir befinden uns dann in einem Loyalitätskonflikt zwischen der kritischen Sichtweise unseres Partners und unserem eigenen Eindruck von eigentlich recht netten Leuten.
Warum gucken wir manchmal grimmig? (BB Radio, 2021)
In unseren Gesichtern spiegeln sich innere Vorgänge wider. Sobald wir aus einem Zustand der Entspannung in den von sorgenvoller Gedankentätigkeit umschalten, verfinstert sich unsere Mine alttestamentarisch. Die zahlreichen Gesichtsmuskeln zeigen aber nicht nur unsere Emotionen, sondern auch den körperlichen Gesamtzustand. Ballen wir unsere Fäuste, ballt sich auch unser Gesicht und erweckt faltig den Eindruck, als prüfe es hinter der Stirn eine komplizierte Rechnung, die nicht aufgehen will. Öffnen wir dann langsam unsere Handflächen, entspannt sich gleichzeitig unsere Mimik.
Warum entwickeln wir ständig Theorien? (BB Radio, 2021)
In unserem Bemühen, die Welt zu verstehen und für uns handlich zu machen, erschafft unser Geist ständig Konstrukte. Dabei kümmern sich oft die Naturwissenschaften um die lösbaren Probleme und die Geisteswissenschaften um die unlösbaren. Manche ihrer Theorien sind sogar so kompliziert formuliert, sodass man lange braucht um zu begreifen, dass sie zu einfach sind. Theoretisch hat hier Theorie etwas mit Praxis zu tun, praktisch aber nicht.
Warum lassen sich einstmalige Partnerschaften schlecht aufwärmen? (BB Radio, 2021)
Ist uns eine Partnerschaft misslungen oder sind wir gar in die Ehefalle getappt, bleibt auch nach deren Ende die Spur der Probleme miteinander bestehen. Die Trennung erfolgte ja nicht grundlos. Hatten wir beispielsweise eine anhaltend strittige Beziehung geführt oder damals den ganzen Winter hindurch Mühe gehabt, mit einer Psychotherapie unserer zerrütteten Ehe nachzukommen, dürfen wir nicht erwarten, dass beim zweiten Versuch alles auf Null gesetzt werden kann. Dafür ändern sich Menschen zu wenig.
Warum singen wir Nationalhymnen? (BB Radio, 2021)
Nationalhymnen sollten im 19. Jahrhundert Freiheitspathos und Gemeinschaftsgefühle beschwören. Heute fällt bei Sportturnieren auf, dass Athleten aus Südamerika ihre Hymnen mit einer Hingabe schmettern, als seien die heroischen Werte von Freiheit und Unabhängigkeit von ihnen noch in unmittelbarer Zukunft zu erobern. Franzosen, Engländer und Amerikaner hingegen sehen beim Hymnensingen eher wie säkulare Mönche im Morgengebet aus - ohne Ekstase, aber mit republikanischer Würde. Deutsche Sportler wirken in dieser Situation oft, als hätte ihnen jemand empfohlen, mit nachdenklicher Miene und verhaltenen Lippenbewegungen die Tiefe des Textes auszuloten.
Warum haben wir Mitleid? (BB Radio, 2021)
Durch Spiegelneuronen im Gehirn vermögen wir als Beobachter uns in das Leid von Mitmenschen einzufühlen. Zudem existiert seit der Epoche der Aufklärung eine Assoziation zwischen Rollen wirtschaftlicher oder sozialhierarchischer Unterlegenheit und einem moralischen Bonus mit der Behauptung, Leiden verdiene Mitleid und Unterstützung. Beispielsweise sollen die Gesichter von Bettlern einen überwältigenden Grad von Not in den Vordergrund zu rücken. Das ist quasi ihr Beruf. Ob diese Gesichter vielleicht die Masken eines in Wirklichkeit mehr oder weniger mühelosen Geldverdienens sind, ist nicht entscheidend, denn ihnen geht es auf jeden Fall schlechter als uns.
Warum bemerken wir Frisurveränderungen beim Partner kaum? (BB Radio, 2021)
Unsere Gesichterwahrnehmung ist immer ganzheitlich und darauf gerichtet, Menschen wieder zu erkennen und deren Emotionen zu erfassen. Hierfür spielt die Frisur faktisch keine Rolle, weshalb wir sie nur mit flüchtigem Blick registrieren. Eigentlich ist es also eine fast überflüssige Verausgabung, mit unseren Haaren beschäftigt zu sein. Ob wir glättend darüber streichen oder unser Witterhaar wie Seeleninneres aufgewühlt ist: Für unsere Mitwelt macht es kaum einen Unterschied und unser Haar gefällt sich in immer neuen Zufällen.
Warum schleichen sich manche aus Beziehungen? (BB Radio, 2021)
Das stille Ausschleichen aus Beziehungen hat seine Ursache in der Furcht mancher Menschen, eine gewünschte Trennung offen zu kommunizieren. Aus Scham oder Angst vor den Reaktionen des Partners möchte man beim Ghosting wie ein Geist verschwinden. Soll eine Beziehung keinen Bestand mehr haben, machen sich manche einfach aus dem Staub, da sie sich scheuen, die in der Beziehung entstandenen Misshelligkeiten zu reflektieren.
Warum schießen wir ständig Fotos? (BB Radio, 2021)
In vergleichsweise kurzer Zeit haben es Smartphones geschafft, zu unseren treuesten Begleitern zu werden. Seit sich uns jederzeit eine Kamera-App öffnet, fotografieren wir fast habituell. Letztlich handelt es sich hier um elektronische Erinnerungsproduktion. Denn Menschen neigen dazu, bestimmten Momenten im Erleben eine besondere Bedeutung zuzuweisen und diese später erneut abrufen zu wollen. In gespeicherten Wahrnehmungen erfüllt sich der archaische und nie verblasste Versuch, das existenzielle Gesetz von der Unumkehrbarkeit der Zeit aufzuheben.
Warum wollen wir die Natur beherrschen? (BB Radio, 2021)
Indem wir der Natur zusetzen, können wir uns der Illusion hingeben, wir seien als Krone der Schöpfung wirkmächtig, sie unserem Willen zu unterwerfen. So haben wir durch das Ausbringen von Kunstdünger unser Getreide von Drogen abhängig gemacht. Aber auch in der Tierhaltung möchten wir der Natur beikommen, beispielsweise Legeprozesse rationalisieren und am liebsten das würfelförmige Huhn züchten. Letztlich steckt dahinter also auch unser Hunger nach Macht.
Warum lesen wir Horoskope? (BB Radio, 2021)
Wir lieben es, uns von höheren Mächten umgeben zu glauben. Lesen wir Horoskope, suchen wir darin Lobpreisungen für unsere Stärken und Rechtfertigungen für unsere Schwächen. Ich selbst bin beispielsweise nicht wiedergeboren, sondern widdergeboren. Das heißt, ich erblickte im Monat April, vom Widder gestoßen, das Licht dieser Welt. Wenn ich mir dessen Charakteristika zuschreibe, dann kann ich mich als Juniorpartner des Universums wichtig nehmen. Horoskope bedeuten für uns also die Indienstnahme der Himmelskörper als persönliche Konjunkturbarometer.
Warum "liken" wir im Internet? (BB Radio, 2021)
Mit den sozialen Medien haben Selbstdarstellungen von Persönlichkeit und gesellschaftlichen Rollen deutlich an Kontur gewonnen. Dabei wirkt das Internet wie ein Outlet-Store für Meinungswaren. Allein schon etwas zu "liken", wird zu einem Instrument der Selbstpräsentation. Wir geben dadurch kund, wie unser Geschmack verläuft. Das "Liken" wird also bereits als Form der sozialen Teilhabe angesehen. Wir sammeln uns hier um digitale Lagerfeuer.
Warum achten wir auf die Schuhe unseres Gegenübers? (BB Radio, 2021)
Interessanterweise erlauben uns Schuhe einige Rückschlüsse auf die Person. Sie zeigen uns das Milieu, in dem sich der Träger verankert wissen möchte. Sind die Schuhe sehr klassisch oder von ländlichem Zuschnitt, wird ein konservativer Ton gesetzt. Sportschuhe hingegen begünstigen eine tänzerische Beweglichkeit und beschwören ein Bild von gewünschter Jugendfrische. Trägt jemand schadhaftes Schuhwerk, wird dadurch die Sympathie gegenüber verarmten Schichten der Gesellschaft nicht unkenntlich gemacht.
Warum bekommen wir gute Laune, wenn die Sonne scheint? (BB Radio, 2021)
Durch helles Sonnenlicht wird die Produktion des uns müde machenden Hormons Melatonin gestoppt und stattdessen kommt unsere Vitamin-D-Synthese in die Gänge. Dadurch werden wir aus dem Darkroom unseres Gemütes gelockt und unseren wogenden Gefühlen wird eine heitere Farbspur beigemischt. Sowohl physikalisch als auch psychologisch gilt: Wenn man sich zur Sonne wendet, fallen die Schatten nach hinten.
Warum sind wir kreativ? (BB Radio, 2021)
Wenn heute von "Kreativen" die Rede ist, denkt man meistens an Werbeagenturen. Dabei ist eigentlich die Kreativität von uns allen schwerelos, denn der menschliche Geist muss sich an verschiedenste Umweltbedingungen anpassen, indem er gesetzte Rahmen sprengt und dadurch immer wieder neue Lösungen findet. Die Flugtauglichkeit des Besens unserer Fantasie hat sich bewiesen. Hier noch ein Hinweis für fortgeschrittene Profis: Die Launen von Kreativen bekommen ein Upgrading, wenn sie sich als Obsessionen ausgeben.
Warum fahren wir gern mit Booten? (BB Radio, 2021)
Das Gleiten über Wasser löst in uns Bedächtigkeit aus. Wir werden vielleicht unbewusst an die Zeit im Mutterleib erinnert, als wir im Fruchtwasserfrieden schwebten. Zudem fasziniert uns der Erfindungsreichtum des menschlichen Geistes, uns Landsäugetieren zu ermöglichen, selbst auf dem Meer seetüchtig zu kreuzen. Zumindest die Angeber unter uns können inzwischen Knoten schlagen und dichtholen. Das Belegen einer Klampe, das Aufschießen einer Leine geht uns von der Hand. Wir können die Betonnung des Fahrwassers lesen und seemännisch Kurs nehmen.
Warum machen wir uns Geschenke? (BB Radio, 2021)
Durch Geschenke möchten wir einander eine Freude machen oder uns wechselseitig gewogen halten. Mit dem Erhalt eines Geschenkes wächst im Empfänger nämlich eine innere Unruhe, die zu einem Ausgleich durch eine Gegengabe strebt. Dies funktioniert sogar bei völlig nutzlosen Präsenten, die man Staatsmännern macht. Gern schickt man hier ein Mädchen und einen Junge in Tracht vor, die sich verbeugen, knicksen und dem Präsidenten sinnreiche Geschenke überreichen: einen Tannensetzling, einen Korb voller Eicheln, ein altglänzendes Waldhorn.
Warum glauben wir, die Zeit würde immer schneller vergehen? (BB Radio, 2021)
Mit zunehmendem Lebensalter gibt es immer weniger Wellenschlag aus der Ereignissphäre. Das heißt, wir erleben weniger Aufregendes und segeln überwiegend unter sanftem Wind. Da unser Gehirn keine Veranlassung sieht, gleichförmigen Abläufen viel Aufmerksamkeit zu schenken und neu abzuspeichern, haben wir das Gefühl von vorbeifliegenden Jahren. Mitunter setzt dann sogar ein allmähliches Vergessen ein. Es gehört also zur Ironie des Älterwerdens, dass man sich fragt, wie viel Vergangenheit einem noch bleibt.
Warum haben wir Fernweh? (BB Radio, 2021)
Empfinden wir unsere Lebenswelt als gleichförmig, träumen wir von neuen Inspirationen in der Ferne. Wer sich reiselustig gibt, kann sich später in Anekdoten aus kreuzqueren Reisen auslassen. Uns beflügelt demnach der Wunsch nach Erfahrungen einer bisher nicht gekannten Natur und ihrer Bewohner. Wenn wir uns mit Reiseplänen tragen, wollen wir also besonders gründlich unserem engen Alltag entfliehen.
Warum schminken sich viele? (BB Radio, 2021)
Bereits in früheren Kulturen versuchten Menschen, ihre Gesicht mit allerlei Mitteln aufzufrischen. War ein Mund geräumig geschminkt, sollte dadurch eine Sinnlichkeit betont oder ein erotisches Signal ausgesendet werden. Allerdings wurde und wird von Frauen oft übersehen, dass viele Männer eher Natürlichkeit bevorzugen. Beispielsweise werden durch roten Lippenstift ja leider die roten Lippen verdeckt. Falls wir gar einmal eine gespenstisch aufgeputzte Greisin sehen, sollten wir als Gegenentwurf uns selbst sagen: Ich altere in Schönheit.
Warum können wir Schweigen nur schwer ertragen? (BB Radio, 2021)
Wir Menschen sind kommunikative Wesen und für Stille fehlt es uns an Gehör. Sind wir zusammen und jeder schweigt etwas anderes, werden wir nervös, denn wir werten dann das Schweigen oft als Ablehnung unserer Person und möchten natürlich auch unserem Gegenüber signalisieren, dass wir uns für seine Belange interessieren. Damit der Andere gar nicht erst auf kritische Gedanken kommt, versuchen wir sicherheitshalber, die Stille knapp zu halten und Konversationen nicht abreißen zu lassen.
Warum lehnen wir als Teenager unsere Eltern ab? (BB Radio, 2021)
Im Regelfall haben die Eltern uns mit den notwendigen Waffen für den Lebenskampf gerüstet. Gleichwohl empfinden wir als Teenager unsere Altersphase als besonders krisenhaft und haben damit Recht wegen gleichzeitiger Belastungen in Schule, Berufsfindung, Geschlechtlichkeit und sozialer Gruppe. In der Regel verfehlen wir dann nicht, einen kausalen Nexus zwischen unserer Kindheit und unserem desperaten Leiden herzustellen. Das heißt, wir machen die Lebensweise in unserem Elternhaus mitverantwortlich für unsere aktuelle Unzufriedenheit und versuchen dann maximale Abgrenzung.
Warum trinken wir Alkohol? (BB Radio, 2021)
Obwohl es sich ja um ein Nervengift handelt, greifen viele Menschen gern zur Flasche. Wir werden durch Alkohol enthemmt und das Gesicht unseres Gegenübers kommt uns dann irgendwie symmetrischer vor. Manche sind überzeugt, sie bräuchten den Alkohol zur Erhaltung und Erneuerung ihrer Spannkraft, an die starke Ansprüche gestellt sind. Allerdings kenne ich als Psychologe auch sozial schwache Milieus, in denen Frauen trinken, um zu ertragen, dass ihre trinkenden Männer sie verprügeln. Und die Männer schlagen ihre Frauen mit der Begründung, diese würden zu viel trinken. Sobald Alkohol also Aggressivität fördert, lässt man besser die Finger davon.
Warum verlieben wir uns? (BB Radio, 2021)
Ungeachtet romantischer Vorstellungen, ist Verlieben vermutlich kaum mehr als das Bemühen, zu zweit ein Fleisch zu werden. Menschen sind zwar durchaus in der Lage, die sich immerfort erneuernde Lust vorübergehend mit schneller Hand abzutöten. Jedoch versprechen wir uns gesteigerte Freuden, wenn wir eine Pilgerfahrt zur Insel der Liebe unternehmen. Nüchtern betrachtet, bedeutet Verliebtsein bei den meisten Menschen letztlich nichts anderes, als dass ein anderer Mensch in unsere erotische Schusslinie geraten ist.
Warum haben wir Heimweh? (BB Radio, 2021)
Aus Sehnsucht nach Zuhause können wir in der Ferne unter Melancholie und Abzehrung leiden. Dabei richtet sich Heimweh vor allem auf verlorene Gemeinschaften, weshalb sie bei Kindern fern vom Elternhaus stärker wirkt als unter erwachsenen Migranten, die sich oft bereits als ganze Gruppe ohne Stocken von ihrer Heimat losgesagt haben. Hinzu kommt, dass wir alles nach der Elle unserer Herkunftsregion vermessen, denn jede deutsche Stadt fühlt sich als ein Kulturzentrum von historischer Eigenwürde.
Warum verbringen wir Familienfeste mit Essen? (BB Radio, 2021)
Bei Familienfesten werden Mahlzeiten rasch verabfolgt. Mit dem Thema Essen glauben wir den kleinsten gemeinsamen Familiennenner gefunden zu haben. Solange wir essen und trinken, können wir jeder vernünftigen Unterhaltung aus dem Weg gehen. Auch wenn wir soeben erst mit Mühe ein weiteres Gericht in unserem Magen verstaut haben, rückt doch stets bald die nächste Mahlzeit heran. Denn sobald wir ganz im Kauen verloren sind, blicken wir mit größerer Milde aufeinander und glänzen pausbäckig-gesund.
Warum setzen wir Erziehungstipps nicht um? (BB Radio, 2021)
Obwohl uns Erziehungstipps oft den Rat geben, mit Strenge unsere Kinder zurück zu pfeifen, können wir uns dennoch nicht dazu überwinden. Auch wenn ein Kind die Erde nach Feldmäusen durchwühlt zu haben scheint, schrecken wir davor zurück, unser Verhältnis zu ihm durch Sanktionen zu gefährden. Unsere Töchter und Söhne haben ja mit beiden Händen Zutrauen zu uns gefasst. Und im Zweifel siegt gegenüber Kindern, die wir selbst ins Leben gerufen haben, immer unsere Liebe.
Warum mögen wir Gartenarbeit? (BB Radio, 2021)
Machen wir uns in einem Garten zu schaffen, gehen wir in Verbindung zu Mutter Erde. Wir nehmen Fühlung auf zu den Pflanzen, die sie hervorbringt und können ihr Gedeihen als Frucht unserer Fürsorge interpretieren. Unser Fleiß vermag Unkraut zu tilgen und Wiesen abzuschlagen. Dennoch ist in manchen Gärten der größte Schädling der Gärtner. Dies ist dann der Fall, wenn es an Demut vor der Natur fehlt. Besitzen wir sie jedoch, dürfen wir nach getaner Arbeit auch faul entspannen und wir liegen, von Mücken gestochen, vom Vieh schon berochen, im Klee.
Warum möchten wir nicht auf Kaffee verzichten? (BB Radio, 2021)
Viele sind sich einig, dass nur durch Kaffee ein guter Tag Fahrt aufnehmen kann. Tatsächlich verdrängt dessen Koffein in unserem Gehirn den müde machenden Botenstoff Adenosin von den Nervenzellrezeptoren. Dadurch wird unsere Konzentration gefördert sowie Antrieb und Stimmung gehoben. Hinzu kommt der schöne Entspannungsmoment einer uns zustehenden Kaffeepause. Zugleich sieht man sich durch eine Kaffeemaschine instand gesetzt, jederzeit eine bescheidene Gastlichkeit üben zu können.
Warum gehen manche zum Schönheits-Chirurgen? (BB Radio, 2021)
In der Regel hat man sich selber jünger in Erinnerung. Gewinnen wir den Eindruck, dass sich im sichtbaren Bereich unseres Körpers nicht alles mehr in bester Ordnung befindet, legen sich manche unter das schönheitschirurgische Messer. So können wir neunzig Jahre alt werden, während einige Teile von uns wesentlich jünger sind. Wir wollen den Anschein erwecken, noch immer freudig bei Kräften zu sein. Allerdings hört man selten einen Satz wie: "21 Schönheitsoperationen halfen ihr, sich endlich so zu akzeptieren, wie sie ist."
Warum spielen wir? (BB Radio, 2021)
Spielen ist ein Naturtrieb, durch den wirklichkeitsfremde Wünsche erfüllt werden können. Beispielsweise besitzen wir in Computerspielen einzigartige Kräfte und Fähigkeiten. Zweitens üben jüngere Artgenossen das Leben der Erwachsenen. So erwerben schon Tierkinder durch das Spielen Fertigkeiten für das Überleben in der Wildnis wie Anschleichen, Jagen, Kämpfen und Entkommen vor Fressfeinden. Drittens führt das Aufgehen in einem Spiel zu einer Selbstvergessenheit, welche Alltagsfrust kompensiert und Langeweile vertreibt. Deshalb ließen bereits frühere Generationen den Würfelbecher von Hand zu Hand gehen.
Warum verändert sich unser Schlafverhalten? (BB Radio, 2021)
Grundsätzlich unterscheidet man in der Chronobiologie zwischen frühaufstehenden Lerchen und spätaufstehenden Eulen. Jedoch rückt unser Schlafrhythmus mit dem Älterwerden nach vorn und durch reduzierte körperliche Betätigung nimmt das Schlafbedürfnis insgesamt ab. Kam es in jungen Jahren also vor, dass wir gegen 11.30 Uhr morgens aus dem Schlaf hochgeschreckt sind, können wir später sogar mittags, kaum dass unser Kopf das Kissen berührt, in einen gründlichen Schlaf fallen. Zuweilen werden wir sogar früher wach als wir Schlaf finden.
Warum streben wir ins Weltall? (BB Radio, 2021)
Die Erde ist der bewölkte Planet. Aus psychologischer Perspektive interpretieren wir die Sterne nicht als leuchtende Körper, sondern als Löcher im Mantel der Nacht, durch die das Licht einer anderen Welt in das von uns bewohnte Dunkel einstrahlt. Das heißt, wir versprechen uns ungekannte Erfahrungen außerhalb unserer Sphäre. Bislang sind wir im Weltraum noch recht unbewandert und wenn durch Wolkenlücken der Nachthimmel sternt, sehen wir vorerst dort bestenfalls unsere eigenen zivilen und militärischen Satelliten, die uns fürsorglich umkreisen.
Warum sind wir unaufrichtig? (BB Radio, 2021)
Man muss unterscheiden zwischen den kleinen Alltagslügen wie bei der Antwort auf die Frage nach dem Wohlbefinden und systematischen Unaufrichtigkeiten, die letztlich immer dem Eigennutz dienen. Wenn man genauer darüber nachdenkt, wird eigentlich in nahezu allen Lebensbereichen zwischen 9.00 Uhr und 17.00 Uhr nie ganz die Wahrheit gesagt. Phasen größerer Aufrichtigkeit gibt es davor und danach. Der große Vorteil des Ehrlichseins ist, dass wir uns nicht merken müssen, wem wir welche Lüge erzählt haben.
Warum fällt es uns schwer, mit Fremden ins Gespräch zu kommen? (BB Radio, 2021)
Wir Deutsche gelten gemeinhin als spröde und für Smalltalk nicht durchweg zugänglich. In gewisser Weise ist dies auch ein Ausdruck unserer disziplinierten Höflichkeit, da wir niemandem lästig fallen wollen. Hinzu kommt, dass der deutsche Humor nicht auf den festesten Füßen steht und damit der Zugang zu Lockerheit erschwert ist. Selbst unter Nachbarn richten wir oft nur einige formelhafte Fragen an einander, erkundigen uns nach Gesundheit und Familie und nehmen die Antworten mit dem lebhaften Kopfnicken scheinbar sachlicher Beteiligung entgegen.
Warum legen wir alte Fehler nicht ab? (BB Radio, 2021)
Wir alle haben im Laufe des Lebens fast nichts an unserer Fehlerhaftigkeit eingebüßt. Der Grund liegt darin, dass wir nur dasjenige wirklich ändern, was überhaupt nicht mehr funktioniert. Nur echte Not bewirkt Wandel. Kommen wir hingegen mit unseren alten Fehlern weiter durch, sparen wir Energie, indem wir unbeirrbar bleiben wie ein Knochenfisch, der in den Verliesen der Tiefsee allen Versuchungen durch Evolution widerstanden hat.
Warum sind wir höflich zueinander? (BB Radio, 2021)
Wir üben uns in Höflichkeit, um uns einander gewogen zu halten und dem Anderen zu signalisieren, dass man auf offenen Kampf gegen ihn verzichtet. Sie ist auch ein Ausdruck der verbalen Fellpflege. Denn durch höfliche Floskeln wertschätzen wir einander und markieren unsere Bereitschaft, gesellschaftliche Spielregeln zu akzeptieren. Auf verhaltenspsychologischer Ebene bedeutet Höflichkeit einfach, den Ton zu senken. Alles übrige folgt aus dem Leisewerden.
Warum streiten Menschen vor Gericht? (BB Radio, 2021)
Natürlich ist es gut, dass wir in einem Rechtsstaat die uns zustehenden Ansprüche notfalls einklagen können. Dennoch bedeutet ein Rechtsstreit letztlich eine Kapitulation vor unseren natürlichen Konfliktlösungsfähigkeiten. Haben wir uns ineinander verbissen, übertragen wir quasi einer dritten Person in Gestalt eines Richters, der uns persönlich nicht kennt, die Hoheit, über uns ein Urteil zu fällen. Steht uns hier ein Anwalt zur Seite, lebt er vom Streitwert; ihm ist Streit also viel wert. Aus psychologischem Winkel ist das Amtsgericht demnach eine Stätte ausgeklügelter Rechthaberei.
Warum schlafen wir? (BB Radio, 2021)
Dass die gütige Natur den Schlaf bereithält, ist ein dankenswerter Umstand. Denn abgesehen von hirnorganischen Aktivitäten besitzt er eine evolutionäre Funktion. Körperliche Ruhigstellung ist nämlich im Tierreich ein Selektionsvorteil, wenn man sich vor Verfolgern schützen muss. Schlafen ist hier eine sinnvolle Überlebensstrategie in der Dunkelheit, wenn vielfältige Gefahren lauern. Nur durch Einschlafen lässt sich dann stundenlang inaktiv und ruhig an einem geschützten Ort verharren. Womöglich schützt auch uns Menschen das Schlafen davor, zu viel Quatsch zu machen oder unsere Gedankenkreise heiß laufen zu lassen.
Warum lieben wir Serien? (BB Radio, 2021)
Die meisten Menschen entscheiden sich statt eines Engagements lieber für ein Abonnement. Haben wir uns dann einmal zur monatlichen Entrichtung des Streamingpreises durchgerungen, möchten wir ihn gut ausnutzen. Eine Serie bietet hier viele Stunden. Aber im Gegensatz zu Filmen, die eine Handlung auf einen Höhepunkt hin aufbauen, wird in Serien eine Geschichte einfach immer weiter erzählt. Sie erscheint uns damit authentischer und wir sind eher bereit, darin Parallelen zu unserem eigenen Leben zu sehen. Zudem spiegeln Serien den aktuellen Zeitgeist einer Kultur. In arabischen Liebesfilmen und Tele-Novelas scheinen beispielsweise die Araberinnen im Bett doppelt so viel anzuhaben wie westliche Frauen auf der Straße.
Warum schlägt uns schlechtes Wetter auf das Gemüt? (BB Radio, 2021)
Trübes Wetter zwingt uns, im seelischen Innendienst zu arbeiten. Solange nur ein spärlicher Regen den Schauplatz unseres Lebens netzt, mag es hingehen. Bleibt die Wetterlage jedoch konstant schlecht, beginnen wir uns ebenfalls einzutrüben. Die Vitamin-D-Synthese ist eingeschränkt, die Melatoninproduktion läuft und schlechtes Wetter lässt uns zögern, schöne Plätze außerhalb unserer Wohnung aufzusuchen. Wird die mystische Übereinstimmung mit allem zu groß, sagt man innerlich nicht mehr "es regnet", sondern "ich regne".
Warum finden wir Sicherheitskontrollen unangenehm? (BB Radio, 2021)
Niemand lässt sich gern durchleuchten. Denn es misshagt uns, fremden Menschen Einblick in persönlichen Gegenstände und unsere unmittelbare Körpernähe zu gewähren. Außerdem sind wir von Sicherheitskontrollen nicht restlos überzeugt. Sie wirken nämlich oft wie Eulenspiegeleien, wenn beispielsweise Security-Mitarbeiter an Flughäfen wie bezahlte Schelme so tun müssen als glaubten sie im Ernst, dass eine nach Rosen duftende halbvolle Handcremedose eine Flüssigbombe sein könnte. Noch ärgerlicher wird es, wenn diese dann zur Verbesserung der Flugsicherheit vom Gepäck in die Security-Tonne wandert.
Warum halten Politiker ihre Reden mit schreiender Stimme? (BB Radio, 2021)
Politiker halten ihre Reden oft als müsse ein Machtwort gesprochen werden. Der Grund für ihre gehobene Stimme liegt in der Überschätzung der eigenen Bedeutsamkeit. Denn Politiker meinen, sie seien Traktoren, welche Millionen widerwillige Landsleute hinter sich über den Acker schleppen. Außerdem sollen durch schreiende Stimmlagen die eigenen Parteigänger mitgerissen und die Gegner eingeschüchtert werden. Es ist übrigens erstaunlich, von wie knappen Vorräten an fertigen Sätzen man in der Politik leben kann. Diese immer gleichen programmatischen Sätze werden bis zur Besinnungslosigkeit wiederholt und sollen durch eine laute Stimme wenigstens unterstrichen werden.
Warum interessieren wir uns für Adlige und Monarchen? (BB Radio, 2021)
Nicht wenige Angehörige des europäischen Hochadels weigern sich hartnäckig, ausgestorben zu sein. Es existieren noch zwölf Monarchien in Europa, die mit ausführlichen Berichten über gegenseitige Besuche bedacht werden. Dabei interessieren sich die Adligen und Monarchen für weite Teile der Bevölkerung weit weniger als wir uns für sie interessieren. Sie repräsentieren nämlich für uns eine gute alte Zeit und sind Projektionsflächen unserer Fantasien eines Lebens in Reichtum und Familienzusammenhalt. Aber auch lange Stammbäume lassen sich entblättern.
Warum haben wir Angst vor Spinnen und Schlangen? (BB Radio, 2021)
Im Garten unserer Seele sprießen Ängste wie Unkraut. Oftmals fürchten wir uns vor dem, was bereits unsere Eltern ängstigte oder was sich in unserer Stammesgeschichte als potenziell gefährlich erwiesen hat. Außerdem irritiert bei Spinnen und Schlangen die völlig fremde und für uns schlecht vorhersagbare Fortbewegung. So können Spinnen ihre acht Beine unabhängig voneinander bewegen. Und Schlangen können eben nicht nur über den Boden schlängeln, sondern durch kräftige Muskeln ihren vorderen Körper heben. Das beste Mittel gegen alle Ängste ist übrigens die Gleichgültigkeit.
Warum unterliegen wir Täuschungen? (BB Radio, 2021)
Dem Menschenverstand macht man oft das unverdiente Kompliment, ihn den "gesunden" zu nennen. In Wirklichkeit ist er jedoch ausgesprochen bequem und zieht für gewöhnlich nur das in Erwägung, was schnellen Einordnungen sowie Mustererkennungen dient. Wir meinen dann, es verstanden zu haben, womit das Täuschungsrisiko steigt. Sogar unsere wissenschaftlichen Theorien sind oft Übereilungen eines ungeduldigen Verstandes, der die Phänomene innerlich gern loswerden möchte.
Warum vergessen wir wichtige Termine? (BB Radio, 2021)
Die Psychoanalyse will wissen, dass es sogenannte Fehlleistungen gibt, die auf unbewusster Ebene durchaus Sinn stiften. Auch beim vorübergehenden Vergessen manifestieren sich demnach unbewusste Regungen. Das heißt, wir vergessen beispielsweise diejenigen Termine, die wir im tiefsten Herzen unangenehm finden und eigentlich nicht wahrnehmen möchten. Beispielsweise gibt es Menschen, die staatlich-amtlichen Dingen nur geringe Aufmerksamkeit zu schenken gewohnt sind. Aus innerer Abwehr üben sie dann, alle Vorsicht vergessend, in diesen Dingen eine gewisse Nachlässigkeit.
Warum leben wir ungern mit Schulden? (BB Radio, 2021)
Wer mit Schulden stirbt, hat Gewinn gemacht. Solange wir jedoch leben, ist ein Gläubiger im Nacken ein ständiger Unruheherd. Wir fühlen uns unfrei, da wir Unangenehmes vom Tisch haben möchten und es uns ein befriedigendes Gefühl gibt, quitt zu sein. Demgegenüber werden in der Kreditwerbung spontane Wünsche mit einer Legitimationskraft ausgestattet als seien sie hinzunehmende Naturereignisse. Aber hier gilt die Daumenregel: Hast du einen 30.000-Euro-Kredit, gehörst du der Bank. Hast du einen 300-Millionen-Euro-Kredit, gehört die Bank dir.
Warum träumen wir? (BB Radio, 2021)
Sigmund Freud meinte, in unseren Träumen sprächen sich unbewusste Wünsche aus. Beispielsweise wird eine Person, die unsere Liebe im realen Leben nicht erwidert, uns in Träumen fasslich. Wissenschaftliche Forschung sieht im Traum eher eine emotionale Verarbeitung von Erlebtem oder eine virtuelle Realität, in der wir Verhaltensmuster durchspielen und einüben können. Vielleicht sind Träume aber auch nur zufällige Verknüpfungen von Erinnerungen. Was wir irgendwo schon einmal gesehen haben, wird miteinander kombiniert, auch Monster oder die Fähigkeit zum Fliegen. Demnach kommt uns in Träumen nicht wirklich Neuland in Sicht.
Warum halten wir gute Vorsätze schlecht durch? (BB Radio, 2021)
Wir sehen uns gern mit fanatischen Vorsätzen in den Augen. Allerdings lässt unser Durchhaltevermögen dann zu wünschen übrig. Der Grund liegt darin, dass es uns Menschen vergleichsweise wenig Mühe kostet, Pläne zu schmieden, jedoch erweist sich deren Umsetzung oft als zäh und wir suchen dann Abrückung durch einen neuen Fokus. Grundsätzlich ist es im Leben viel wichtiger, in den Teller hinein zu schauen als immer nur über den Tellerrand hinaus.
Warum sind wir oft unzufrieden? (BB Radio, 2021)
Menschen sind oft unzufrieden, weil sie gedankenverloren sind. Wir verlieren die Konzentration auf das Schöne im Leben, wenn wir Wünschen oder Verlusten nachhängen, wenn wir Liebe missen oder Rache suchen, oder wenn wir unschlüssig sind zwischen Böse und Gut. Hier hilft es, dem uns Gegebenen zuzustimmen. Innere Ruhe heißt: Pulsieren mit der Erde.
Warum lieben wir Rabatt-Aktionen? (BB Radio, 2021)
Wir Menschen sind biologische Beutegreifer und lauern wie andere Raubtiere auf Beute. Jedoch reißt ein Löwe nicht die allerfitteste Antilope aus der Herde, sondern die leichter zu erlegene langsamste. Nach dem gleichen Muster springen wir bei Sonderangeboten an. Sobald sich uns eine Möglichkeit zum Sparen bietet, glauben wir uns im Vorteil gegenüber unseren Artgenossen und meinen diese ressourcenschonende Gelegenheit beim Schopfe packen zu müssen. Hier kommen also alte evolutionäre Module ins Spiel, die durch geeignete Auslöser auch heute noch anspringen.
Warum fällt uns das Bewahren von Geheimnissen schwer? (BB Radio, 2021)
Wer Interessantes zu berichten hat, wird von anderen wohlwollend wahrgenommen. Der Reiz des Geheimnisverrats besteht also darin, bei mehreren Menschen Gehör zu finden und deren Neugier zu befriedigen, wohingegen das Bewahren von Geheimnissen nur die Bindung zum Anvertrauenden stärkt. Die Kenntnis einer Versuchung schützt uns nicht davor, ihr zu erliegen. Nicht jeder besitzt hier die Kraft, sie innerlich niederzukämpfen.
Warum tanzen wir? (BB Radio, 2021)
Musik ist tänzerisch zu den Muskeln redend. Wird uns ein Rhythmus vorgegeben, brauchen wir nur in ihn hinein zu gehen, um unseren Körper als harmonische Ganzheit zu erleben. Das heißt, Tanzen erfasst unseren gesamten Körper und lässt ihn uns als Einheit wahrnehmen. Hat uns eine Musik tanzlustig gestimmt, können wir uns selbstvergessen bewegen. Deshalb findet sich in jeder noch so archaischen Kultur wenigstens ein stampfender Rundtanz.
Warum fällt uns Zusammenarbeit manchmal schwer? (BB Radio, 2021)
Wir leben in einer Zeit wachsender individueller Unabhängigkeit und schwindender kollektiver Verpflichtungen. Deshalb bereitet es uns zunehmend Mühe, jenseits von Individualinteressen die Bedürfnisse einer Gruppe wahrzunehmen. Je mehr Akteure dann in einem Ereignisraum agieren, desto höher steigt die Wahrscheinlichkeit von Kollisionen. Allen holistischen Suggestionen zum Trotz, existieren wir nämlich für gewöhnlich aneinander vorbei. Aus simultanem Dasein entsteht noch kein System, sondern zunächst nur ein Feld von Koexistenzen mit chaotischen Merkmalen.
Warum sind uns unsere Haare wichtig? (BB Radio, 2021)
Unsere Haare erscheinen wie kleine Antennen, die ein Frisur-Signal an unsere Mitmenschen aussenden. Im Gegensatz zum Fell anderer Säugetiere bleibt uns quasi nur die Kopfbehaarung, um Eindruck zu machen. Eine gepflegte Frisur möchte Gesundheit und einen gewissen Wohlstand zeigen. Wenn junge Frauen ihr Haar hochstecken, wirkt dies unternehmungslustig. Aber auch alte Männer beleben noch mit einer Bürste ihren Haarkranz um die stets mit Glanzlichtern versehene Glatze.
Warum glauben wir an die große Liebe? (BB Radio, 2021)
Die ganz große Liebe ist für viele Menschen nur ein Gegenstand der Einbildungskraft, nicht der Erfahrung. Das macht aber nichts, denn auch eine mittelgroße oder kleine Liebe hält Glück bereit. Allein schon der Glaube an die perfekte Ergänzung für uns macht offenherziger. Es existiert ein urmenschliches Bedürfnis nach Auflösung unserer persönlichen Grenzen und nach seelischer Hingabe. Hat die Liebe einen Knochen geworfen, empfinden wir mit Herzklopfen etwas von dem machtvollen Versprechen des Lebens.
Warum sind wir an der Supermarktkasse ungeduldig? (BB Radio, 2021)
Als moderne Menschen sind wir es gewohnt, Zeit effektiv zu nutzen. An der Supermarktkasse fühlen wir uns jedoch untätig allen Stockungen ausgeliefert. Gleichzeitig sind wir der Auffassung, es lohne sich jetzt nicht, das Handy heraus zu holen. In diesem Gedanken herrscht aber zu wenig Folgerichtigkeit. Wenn uns treibende Ungeduld erfüllt, können wir durchaus zum Smartphone oder sogar zum mitgeführten Buch greifen, damit uns der Faden nicht reißt.
Warum fasziniert uns Eleganz? (BB Radio, 2021)
Die Schönheit von Menschen wird nicht allein durch deren körperliche Beschaffenheit und geschmackvolle Kleidung bestimmt, sondern zugleich auch durch Geschmeidigkeit in den Bewegungen, durch Anmut und Gewandtheit und durch ungezwungene Leichtigkeit. Wir nennen all dies dann Eleganz und sehen sie gern, da sie den Eindruck des Wohlgefälligen macht und Ausdruck formvollendeter Kultiviertheit ist. Allerdings darf natürlich nicht dergestalt übertrieben werden, dass jemand blasiert den Fuß aufsetzt wie bei einem Menuett.
Warum haben wir Furcht vor Wohnungseinbrüchen? (BB Radio, 2021)
Unser Zuhause ist quasi das Kokon unseres Körpers. Deshalb empfinden wir fremdes Eindringen wie eine Verletzung unserer privaten Intimsphäre. Für Einbrecherbanden hingegen erscheint Westeuropa wie das offene Meer, auf dem den Piraten gehört, was ihnen in die Hände fällt. So gesehen sind Einbrecher die Vertreter einer uralten archaischen Ökonomie, in der es ein Primat der Aneignung gegenüber der Produktion gab. Über Jahrhunderte hinweg blieben sie Jäger und Sammler, die sich der feudalen Versklavung ebenso entzogen haben wie der Domestikation durch den kapitalistischen Arbeitsvertrag.
Warum glauben wir immer, Recht zu haben? (BB Radio, 2021)
In der Psychologie sprechen wir vom sogenannten Motivated Reasoning. Dahinter verbirgt sich der Effekt, dass unser Denken unbewusst immer zu demjenigen Ziel gelenkt wird, das emotional für uns wünschenswerter ist. Wir üben uns also ständig im Zurechtsehen unserer Welt und suchen am liebsten nach Bestätigungen unserer Vorannahmen. Am Ende geben wir uns selber in allen Punkten recht.
Warum empfinden wir Glück? (BB Radio, 2021)
Das ganze Leben ist letztlich ein Haschen nach Wind. Haben wir ihn unter unseren Flügeln, sorgen ausgeschüttete Hormone für Auftrieb. Das heißt, Glücksgefühle besitzen die evolutionäre Funktion, unsere Motivation für das Weiterleben zu steigern. Bekanntlich macht aber Glück das an Höhe wett, was ihm an Länge fehlt. Wir benötigen also keinen Zustand, in dem die innere Drogenproduktion so stabil ist, dass wir unter allen Umständen in einer dauerhaft wohligen Verfassung bleiben. Kurze, aber schöne Glücksmomente genügen.
Warum benutzen wir Beauty-Produkte? (BB Radio, 2021)
Die eigene Schönheit lassen wir uns angelegen sein. Auch auf diesem Feld werden wir Menschen zu Stoffwechselmaximierern auf breiter Front. Von Beauty-Produkten versprechen wir uns einerseits ein junges, sorgenfreies Aussehen. Wir möchten andere damit beeindrucken, dass unser Äußeres eine ausdauernde Jugendlichkeit besitzt. Andererseits meinen wir auch uns selbst etwas Gutes zu tun, indem wir uns wohler in unserer Haut fühlen. Selbstfürsorge ist verwandt mit den schönen Seelen, die beim abendlichen Entspannungsbad farbige Teelichter auf den Rand der Badewanne stellen.
Warum lassen wir uns durch Kleinigkeiten provozieren? (BB Radio, 2021)
Wir fühlen uns provoziert, wenn wir etwas als absichtsvollen Angriff gegen unsere Person auffassen. Wir wissen dann nicht, ob wir dies hinnehmen oder uns verteidigen oder einen Gegenangriff starten sollen. In der Hingabe an unsere Gefühle stürzt sich das Ich von der Klippe in die Tiefe, aber es gibt keinen Boden, an dem es zerschellen könnte. In diesen wie anderen Fällen negativer Emotionalität stellt sich die psychologische Denkaufgabe, einen Standpunkt zu finden, von dem aus die zerklüfteten Felsformationen des Lebens wie eine glatte Oberfläche aussehen.
Warum fällt es uns schwer, Diät zu halten? (BB Radio, 2021)
Gerade wir Deutsche stehen insgesamt der Kartoffel nah - handlich, knollig und fest im Fleisch. Sobald wir aber einen allzu geräumigen Schatten werfen, erlegen wir uns selbst Diäten auf. Die Natur hat jedoch das Essen nicht nur zur Energieaufnahme vorgesehen, sondern auch zu Betäubung und Genuss und Selbstverwöhnung. Eine Diät zu halten, verlangt uns also quasi eine widernatürliche Disziplin ab, die nicht jeder aufbringt. Am Ende sind wir - wie eh und je - von etwas dicklicher Beschaffenheit.
Warum möchten wir, dass unser Partner mehr mit uns redet? (BB Radio, 2021)
Oftmals schweigt in Partnerschaften jeder etwas anderes. Wir mühen uns daher, seelisch beieinander anzuklopfen, wie wenn man ein schlafendes Reptil im Terrarium zu einem Lebenszeichen herausfordern wollte. Dahinter steckt unser Wunsch, die in uns aufgeschütteten Wörterhalden abzubauen oder dem Partner gegenüber unser Sorgenpaket aufzuschnüren. Wir wünschen uns Austausch und gemeinsame Reflexionen, da es sich dabei um verbale Fellpflege handelt.
Warum bringt uns schlechter Service auf die Palme? (BB Radio, 2021)
Mitunter nehmen wir wahr, dass manche Dienstleister kaum Vorstellung von den Diensten zu haben scheinen, zu deren Verrichtung sie angestellt wurden. Zuweilen wirken sie sogar, als hätten sie nur täuschend echte Augen auf die eigentlich geschlossenen Augenlider gemalt. Unweigerlich vergleichen wir deren Arbeit dann mit unserer eigenen und kommen zu dem Schluss, dass wir selbst uns eine derartig müßige Berufsausübung nicht erlauben dürften und geraten daher in Wut.
Warum suchen wir Gerechtigkeit? (BB Radio, 2021)
Aus Experimenten wissen wir, dass bereits Kleinkinder und Menschenaffen eine Form der Gerechtigkeit suchen, in der es zu einer fairen Verteilung von begehrten Gütern kommt. Ein gewisses Urbedürfnis zum Ausgleich großer Ungleichheiten scheint also angeboren. Bei genauerer psychologischer Betrachtung empfinden wir eine Lebenssituation dann als genugtuend, wenn die berechtigten Erwartungen aller Akteure befriedigt worden sind. Leider werden jedoch in der alltäglichen Welt der Tatsachen weder die Bösen bestraft noch die Guten belohnt. Der Erfolg fällt im Regelfall den Starken zu.
Warum müssen wir uns zum Sport überwinden? (BB Radio, 2021)
Unser Körper bildet von selbst Fitness in jenen Bereichen aus, die besonders beansprucht werden. Wer nur im Büro arbeitet und trotzdem für einen Waschbrettbauch trainiert, muss sich die Frage stellen, warum ausgerechnet im wenig benötigten Bauchbereich derartig definierte Muskeln entstehen sollen. Da der Aufwand eines großen zeitlichen Investments beim Sport zum entsprechenden Nutzen in keinem linearen Verhältnis steht, überwinden sich viele Menschen nicht, ihre körperliche Zurückhaltung zu durchbrechen. Daran ändert auch nichts, dass überall Sportstätten sind und inzwischen in jedem Park ein Drahtkäfig für Ballspieler steht.
Warum überessen wir uns bei Buffets? (BB Radio, 2021)
Unsere Geschmacksknospen sind für neue Erlebnisse offen. Buffets bieten uns hier die Möglichkeit, verschiedenartige Gerichte zu probieren, ohne von derselben Speise gleich einen ganzen Teller essen zu müssen wie zu Hause. Deshalb verspüren viele Menschen den Antrieb, von einem Buffet alles einmal versucht zu haben und von besonders Schmackhaftem dann nachzuladen. Wenn wir jedoch ganz und gar auf Essen konzentriert sind, verschwindet es rasch aus unserem Teller und hinterher können wir wahrlich als gesättigt gelten.
Warum lesen wir Regenbogenpresse? (BB Radio, 2021)
Neben ihren Tipps zu Kosmetik, Diäten, Gesundheitsthemen und Reisen verspricht die Regenbogenpresse vor allem eine emotionale Berichterstattung über Prominenten-Schicksale. Diese stützt sich zwar meistens auf improvisierte Mutmaßungen, erlaubt uns aber Zerstreuung und Ablenkung vom Alltag. Als Rezipienten sind wir begierig, bei Prominenten beginnende partnerschaftliche Zerwürfnisse oder gesundheitliche Spannungen auszumachen. Denn sie relativieren unseren Eindruck, das Leben habe die Promis besser behandelt als uns.
Warum kaufen wir Markenprodukte? (BB Radio, 2021)
Wir können eigentlich davon ausgehen, dass jedes in Deutschland verkaufte Produkt eine marktgängige Qualität besitzt. Jedoch möchten wir manchmal durch den Griff zu Markenprodukten eine besondere Verlässlichkeit sicher stellen. Bekannte Marken assoziieren wir mit Bewährtheit und betrachten sie als eine Art Lebensergänzungsmittel, mit denen wir die Teilhabe an gehobenen Qualitäts-Chancen oder erweiterten Genugtuungen erlangen.
Warum wachen wir nach schlechtem Schlaf trotzdem zur üblichen Zeit auf? (BB Radio, 2021)
Nicht immer finden wir sang- und klanglos in ruhigen Schlaf. Wenn wir länger als gewöhnlich wach waren, ist die darauf folgende Schlafdauer jedoch keineswegs verlängert, sondern oft sogar verkürzt. Der Grund liegt darin, dass im Zwischenhirn das kleine Kerngebiet des Nucleus suprachiasmaticus uns jeden Tag mit der äußeren Uhrzeit synchronisiert. Hätten wir nach einer langen Wachphase immer eine lange Schlafphase, würden sich auch die Einschlafenszeiten der kommenden Tage verschieben und unser Takt wäre entgleist. Wir ständen dann nicht mehr im Einklang mit dem 24-Stunden-Rhythmus von Tag und Nacht auf der Erde.
Warum hören wir ungern unseren Partner schnarchen? (BB Radio, 2021)
Es gibt Nächte, in denen unser Schlaf zur Schwerarbeit wird. Während wir selbst in sorgenvollen Gedanken liegen, ertönen neben uns die Schnarchlaute des Partners als befriedete Kundgebungen seiner Anheimgabe ans Vegetative. Wir empfinden dann heimlich Neid und Missgunst, dass sich der Schlaf über unseren Partner gesenkt hat, während wir selbst wachliegen müssen. Wir meinen dann, dass dessen lautes Schnarchen uns nun erst recht am Schlummern hindert und fokussieren uns auf das, was an unser Ohr dringt. Dadurch lehnen wir selbst uns gegen den Schlaf auf und klammern uns unbewusst an das Wachsein.
Warum sind wir mäkelig beim Essen? (BB Radio, 2021)
In zehntausenden Jahren haben Menschen gelernt, dass wir bei Nahrung aus der Natur nicht zu experimentierfreudig sein sollten und vor allem die Energiemenge zählt. Zu keiner Zeit bestand ernsthaft Gefahr, beispielsweise an einem Mangel an Kalium zu sterben, wie es in Gemüse vorkommt. Hingegen verheißt süßer Geschmack die lebensnotwendigen Kalorien. Zudem ist Süßes fast nie giftig, im Gegensatz zu Bitterem. Besonders diejenigen Kinder und Erwachsenen, die auch in ihrem sonstigen Leben eher zur Vorsicht neigen, sind beim Essen wählerisch. So stirbt unter ihren Augen der Fisch auf dem Tisch ein zweites Mal.
Warum wollen Menschen Macht besitzen? (BB Radio, 2021)
Bei genauer psychologischer Betrachtung ist Macht ein Maß dafür, wie weit man sich nicht anpassen muss. Das heißt, Machthaber geben den Menschen ihrer Einflusssphäre vor, was getan und gelassen werden soll, aber sie selbst fühlen sich sicher genug, ihr eigenes Leben nicht an diese Vorgaben anpassen zu müssen. Beispielsweise besteht das Wesen der allermeisten Politik in der Forderung, andere sollten sich um andere kümmern. Irgendwer soll für irgendwen baldmöglichst etwas tun. Die Politiker selbst bleiben an den ganz konkreten Handlungen dann aber unbeteiligt.
Warum wollen wir immer das neueste Handy? (BB Radio, 2021)
Obwohl wir meinen, dass uns das Internet und die sozialen Netze jeden Tag Neues zeigen, sind die Inhalte eigentlich fast dieselben wie an bisherigen Tagen. Auch unsere Reihenfolge, in der wir Smartphone-Apps aufrufen, folgt zumeist einer täglichen Routine. Da uns die Handynutzung von der Hand geht als handele es sich um ein Ritual wie Zähneputzen, möchten wir wenigstens das Endgerät aller ein, zwei Jahre wechseln, um uns der Illusion hingeben zu können, alles sei jetzt anders und besser als früher.
Warum hängen wir oft in der Vergangenheit? (BB Radio, 2021)
Wenn wir älter werden, hinterlässt der einzelne Tag nur noch selten eine erinnerungstaugliche Kontur. Da die Gegenwart ereignisarm und die Zukunft ungewiss ist, nehmen wir Zuflucht in der Vergangenheit. Wir erinnern uns dann an prägende Kindheitserlebnisse und an Menschen, mit denen wir damals die gleiche Schule vermieden haben. Heute sind aber auch junge Menschen von der Überflutung durch Vergangenheit betroffen. Durch die Allgegenwart von Handyfotos und Postings leben wir nämlich im Modus der Hyperarchivierung, die den Abfluss des Gewesenen verstopft.
Warum fallen uns Entschuldigungen schwer? (BB Radio, 2021)
Jede Entschuldigung bedeutet, dass wir einen eigenen Fehler einräumen. Dies setzt aber die Bereitschaft voraus, in uns überhaupt die Existenz irgendeiner Fehlerhaftigkeit versuchsweise zu akzeptieren. Dies ist nicht automatisch gegeben bei denjenigen, die ihre Lebenswelt als ein stabiles System von unergänzbaren Vorzügen beschreiben. Rufen wir jedoch um Verzeihung an, führt dies erstaunlicherweise häufig nicht zu einer Herabsetzung unserer Person, sondern zu einer Heraufsetzung.
Warum mögen wir Adelsserien? (BB Radio, 2021)
Adelsserien zeigen uns eine Welt jenseits unseres Alltages. Einerseits fasziniert das uns vor Augen gebrachte mondäne Umfeld, andererseits nehmen wir mit Genugtuung gern zur Kenntnis, dass auch der Adel keineswegs frei von Problemen ist. In den Serien scheinen die betreffenden Familien immer zu Fehden entschlossen. Während wir bequem unsere Fernsehsessel füllen, beobachten wir die intriganten Ränkespiele der anderen. Der Himmel des Adels täuscht eine Bläue vor, der wir misstrauen wollen.
Warum lieben viele den Herbst? (BB Radio, 2021)
Wenn die herbstliche Natur ihr hinfälliges Angebot macht, trübt sich bei vielen Menschen die Stimmung wegen der kälter und dunkler werdenden Tage ein. Nicht nur der nasse Strauch steht dann kundig des Herbstes. Jedoch können auch viele Menschen das schöne Farbenspiel der Blätter, das Kastaniensammeln und Drachensteigenlassen mit den Kindern genießen. Wir sind nicht mehr gezwungen, draußen aktiv auf dem Laufenden zu sein, sondern dürfen es uns zu Hause ohne schlechtes Gewissen gemütlich machen. Auch unser inneres Wetter kann dann mitunter zu mild herbstlicher Sonnigkeit zurückfinden.
Warum kochen wir gern? (BB Radio, 2021)
Heute können viele Menschen ganz hervorragend kochen, wenngleich das Essen dann nicht unbedingt schmeckt. Wir sind nämlich gern in der Küche rührig, da es ein Ort ist, in dem wir Kontrolle ausüben können. Es liegt in unserer Hand, ob wir in Töpfen und Pfannen unsere Rezepte zum Leben erwecken. Es gibt passionierte Köche, die Gefühle in Gerichte zu wandeln verstehen. Andere hingegen fühlen sich eher qualifiziert, in der Küche letzte Anweisungen zu geben und das Tischdecken zu überwachen.
Warum häufen wir immer mehr Dinge an? (BB Radio, 2021)
Die Ordnung ist bei vielen Menschen ein Chaos, in dem aber viel Arbeit steckt. Besonders in Kellern und Garagen liegen überall Teile und Teile von Teilen, nichts Ganzes. Wir scheuen Entrümpelungen, da sich unsere Vorräte ja noch als nützlich herausstellen könnten und wir einmal Geld dafür bezahlt haben. Wir leben quasi auf der Endmoräne unseres Daseins und schütten wallartig Material unseres Lebens auf. Hier wäre es hilfreich, die Lage einmal von einem Außenstehenden einschätzen zu lassen. Denn wenn man einen Sumpf trocken legen möchte, darf man nicht die Frösche fragen.